Nach dem englischen des
von Gottlieb Walter.

Eine Sonntagsausgabe zur Erheiterung für Stadt und Land.
(Beilage zum Landshuter Wochenblatt und Kurier für Niederbayern.)
Sonntag den 25. November 1855.
L a n d s h u t.
Druck und Verlag von J.F. Rietsch.

Ungefähr siebzig englische Meilen nordwestlich von San Antonio de Bexar in Texas nimmt der Sandiescreek. ein Nebenstrom den Rio Colorado seinen Lauf durch eine Vertiefung zwischen Hügeln. Die Thalsole besteht aus einer ziemlich breiten Ebene. Der klare Fluß strömt hart am östlichen Abhang in kieselreichem Bett hin. Im Westen zweigen sich die Hügel in langer Reihe sowohl nach Norden wie nach Süden aus. In letzterer Richtung enden sie beim Canon de Uvaldi, wovon im Verlauf dieser Erzählung später die Rede sein wird.
Die Ostseite den Thales bestand aus einem einzigen Hügel, der sich bis zur Höhe von etwa dreihundert Fuß über einer Grundlage von achtzig bis neunzig Klaftern erhob, mit dichten Cederngebüschen bestanden, die sich in Gruppen über die Oberfläche vertheilten. Den unteren Theil bildeten Felsen, hie und da mit einer dünnen Erdschicht bedeckt, aus welcher ein kümmerlicher Pflanzenwuchs die karge Nahrung zog. Höher aufwärts zeigten sich weiße durchsichtige Adern, zwischen denen unverkennbare Anzeichen das Dasein von Silber und Bleierz bekundeten. Auf dem Gipfel wiegten drei Bäume sanft ihre belaubten Kronen im ermattenden Winde, der — nachdem er den lieben langen Tag seinen Muthwillen getrieben — jetzt seine letzten Seufzer aushauchte.
Die Sonne erreichte allgemach den Rand des Gesichtskreises, angeschwollen zu einer ungeheuern rothen Scheibe. Ihre Strahlen vergoldeten die Spitzt des Hügels. Das nackte Gestein, braun und grau, — das dunlelgrüne Gras am Rande des Weihers auf der Höhe, der mit seinem Wasser die Wurzeln der drei einsamen Bäume netzte, — die lebhaft gefärbten üppigen Blumen, wie wie unter dem heißen Himmelstrich gedeihen, — alles schwamm in leuchtender Verklärung, von scharfgezeichneten Umrissen eingefaßt, um nach und nach in eine dunkle Masse zu verschwimmen.
So stellte sich der Zauberstein an einem Maiabend dar. Es war in der Zeit, bevor die Angelsachsen das Land erobert hatten, also vor etwa zwanzig Jahren.
Von der Hohe des kegelförmigen Felsenhügels zeigte sich kurz vor dem Scheiden der letzten Sonnenstrahlen ein Bild von einzig wunderbaren Reiz.
Die grasbewachsene wellenfömige Fläche zwischen dem Zauberstein und der Hügelreihe trug über ihrem saftig grünen Sammet einen zahllosen Schwarm von Zellen oder Wigwams. Das Gelände erschien dem getäuschten Auge, wenn der Blick rasch darüber schweifte, wie die gleichförmig rollenden Wogen der See unter dem Hauch einer stäten aber sanften Briese.
Die Einförmigkeit des Grundes unterbrechen hie und da einzelne Bäume, kleine Gruppen und ganze Wäldchen von Cedern, Steineichen oder Föhren. Die fernen Höhen von Canon de Uvaldi schlossen den Gesichtskreis, eine Wolkenbank am Himmel.
Übergossen vom Feuerstrahl einer tropischen Sonne gewährte diese Landschaft einen wunderbar anregenden Einblick, dessen Empfindungen sich bei Betrachtung der reichen Einzelheiten fortwährend steigerten.
Alsbald änderte sich das Bild. Vom Gipfel des Felsenhügels war bald nichts mehr zu unterscheiden, als die dunkeln Massen des Höhenzuges gegenüber und in der Tiefe die ungezählten Feuer des Lagers, das lang und breit ausgestreckt dalag, ein Riese, der im Schlummer neue Kräfte sammelt.
Die Ruhe sollte indessen nicht lautlos bleiben!
Der Schall von Menschenstimmen drang durch die Nachtluft zur Höhe empor. Die Hunde schlugen an oder knurrten über den zugeworfenen Knochen.
Der Anblick der ausgedehnten Masse, die mehr und mehr in Ruhe versank; der stäte Glanz der Wachfeuer, vor welchen dunkle Gestalten hin und her glitten, alles zeugte von menschlichem Thun und Treiben im Thale drunten.
Der Abend war kühl. Der Nachtthau fiel naßkalt nieder, namentlich auf den Gipfel der unbeschützten Felsenhöhe, welche im Munde des Volkes der Zauberstein hieß.
Bei dem kleinen Weiher auf der Höhe, im Schatten der drei gespenstigen Bäume stand ein Mann von hoher aufrechter Gestalt. Seine Züge waren im Zwielicht nicht zu unterscheiden; doch wie er sich an den knorrigen Stamm lehnend dastand, war er an Wesen und Tracht als ein Weißer zu erkennen, oder mindestens als einer von denen, welche um jeden Preis zum Stamm der weißen Gesichter gehören wollen.
Ein Biberhut von eben so zweifelhafter Farbe wie die Haut, reichlich mit verschossenen Goldborten und Schnüren aufgeputzt, zeichnete sich breitkrempig über dem Haupt. Ein Wollenmantel umhüllte die Gestalt. In der Hand ruhte nachlässig die Kugelbüchse, die an Länge dem Schützen wenig nachgab.
Ich glaube, hob der Mann in reinem Englisch an, ich meine, Jung Buffalo, daß die Sonne schon seit fünf Minuten untergegangen. Meine Uhr sagt es.
Worauf eine Stimme in tiefen Kehllauten entgegnete:
Kitsi ist zuverlässig wie der Flug des Comanchenpfeiles.
Ich will es nicht in Abrede stellen, aber ich hatte verstanden, sie wolle erscheinen, sobald das Licht des Tages vollends entschwunden sei.
Will mein Bruder sieh gen Westen wenden?
Der Weiße drehte sich um.
Sieht mein Bruder nicht den rothen Streifen am Himmels fragte der Indianer.
Ich sehe ihn, hieß die Antwort.
Nach einer Weile fragte der Begleiter abermals:
Und was sieht mein Bruder jetzt?
Nichts. Der letzte Schimmer von Licht und Farbe ist entwichen.
Und Kitsi ist zur Stelle, sagte der, welchen der andere Jung Buffalo genannt.
Ein leichter Tritt raschelte durch das Gras. Neben dem weißen Mann tauchte die Gestalt eines jungen Mädchens empor, unfern des Stammes, wo der Indiander lehnte.
Jung Buffalo war der Sohn des großen Häuptlings der Comanchen und nahm unter den Kriegern seines Stammes eine ausgezeichnete Stellung ein. Tapfer und aufrichtig, wie der Stahl seiner Lanzenspitze unermüdlich in seinem Eifer, großmütigen Herzens und voll der hingebendsten Selbstverleugnung, war der junge Führer dem schönen Gefühl der Freundschaft vor allen zugänglich.
Drei Monate früher, als er in der Ebene das Thier jagte, von welchem er den Namen führte, rannte ein wütender Büffelstier sein Roß nieder. Der junge Krieger stürzte mit dem Roß und der Büffel war über ihm, bevor er sich aufzuraffen vermocht hatte. Er schien verloren. Da krachte ein Schuß. Das schwer verletzte Thier sah sich nach dem Schützen um. Der Indianer benutzt den Augenblick, um auf die Füße zu kommen, zu den Waffen zu greifen und den angeschossenen Widersacher vollends zu fällen.
Der Wilde wandte sich nun seinem Retter zu. Dieser war ein Kaufmann, der seine Gesellschaft, eine Handelskarawane, auf dem Wege nach Santa Fe einige Tage zuvor verloren hatte, und nun seinen Weg aufs Gerathewohl sich selber suchte.
Unter sich den ausdauernden Klepper, mit Waffen und Schießbedarf in Hülle und Fülle versehen, zog Walter Mainwaring, ebenso beherzt wie rüstig, nicht minder gemütlich durch die Wildnisse, als schützten ihn ein Dutzend gezogener Läufe in den Händen der besten Schützen.
Ein Zufall führt ihn zur Stelle, wo der Indianer dem Stier fast erlegen wäre, und mehr aus unwillkürlichem Antrieb wie vom Wunsche beseelt, die Rothhaut zu retten, hob er die Büchse und feuerte er den Schuß ab. Sobald indessen die Sache geschehen, war’s ihm sehr lieb, daß er dadurch in freundschaftliche Beziehungen zu einem Krieger des berühmten Stammes der Comanchen gekommen.
Er nahm die Einladung des dunkeln Freundes nach dem großen Lager der Comanchen an.
Nachdem er seht drei Monate dort zugebracht, schien er der Stunde der Abreise keineswegs noch näher als dem Tag der Ankunft. Ob es der Reiz des Jägerlebens in der wildschönen Gegend war, der ihn fesselte, wird sich im Verlauf der Erzählung zeigen.
Walter Mainwaring worin England geboren, doch schon als Knabe nach Nordamerika gekommen. Mit geringen Geldmitteln ausgerüstet, aber mit unerschrotkenem Muth und eiserner Ausdauer begabt, war er bereits zu einem geachteten Kaufmann zu Cincinnati geworden, und befand sich auf seiner ersten Handelsfahrt nach Santa Fe in Neumexiko mit allem seinem Gut, als ihm die oben erwähnten Zufälle begegneten.
Wir fügen noch hinzu, daß Mainwaring eben das dreißigste Jahr erreicht hatte, und fahren in unserer Erzählung fort.
Jung Buffalo und Kitsi waren Geschwisterkinder, aber — wie sich das gar oft immer und überall in der weiten Welt fügt — mit dieser nahen Verwandtschaft lange noch nicht zufriedengestellt. Sie begehrten mehr von einander. Sie kamen insgeheim zusammen, und da der Krieger den weißen Mann zu seinem Busenfreund gemacht, so pflegte dieser ihn auch zum Stelldichein zu begleiten.
Eigentlich hätten die Liebenden des strengen Geheimnisses nicht bedurfte aber wie die verbotenen Früchte immer die süßesten sind, so bereitet sich die Liebe gern Schwierigkeiten, wo sie nicht von selbst erwachsen.
Abend für Abend pflegte das Pärlein auf dem Zauberstein zusammenzutreffen. Walter hielt sich ein wenig seitwärts, seinen eigenen Gedanken nachhängend, während der Krieger und das junge Mädchen kosend flüsterten und nach Art der Verliebten ihre Luftschlösser bauten.
Es ist nur gut, daß Luftschlösser ohne Balken und Steine gebaut werden, denn sonst wäre kein Mensch auf Erden seines Lebens sicher.
An jenem Abend , wovon hier die Rede, setzte Weiter sich zum Felsenrand: hin, legte die Büchse auf den Schoß und vertiefte sich allmälig in nachdenkliches Hinbrüten.
Seine Blicke richteten sich auf das Dorf, das mit jedem Augenblicke mehr und mehr in Schweigen versank. Er vernahm jeden Laut, ohne darauf zu hören, so daß selbst die schrillende Stimme der Weiber in seinem Ohr verhallte, die ihre Kinder heimriefen.
Überhaupt schien er der wirklichen Umgebung entrückt und in der Welt seiner eigenen Gedanken befangen.
Welcher Gegenstand es war, der seine Adern schwellen, seine Wangen erbleichen, sein Herz ungestüm klopfen ließ, weiß niemand zu sagen. Walter Mainwaring war stets ein schweigsam verschlossener Mann, der nie ein unnützes Wort sprach und seine Geheimnisse nicht preiszugeben pflegte. Nur Einer kannte alle seine Gedanken und Geheimnisse.
Wie lange er dergestalt seinen Sinnen nachhing ist zu sagen unmöglich. Das Zeitmaß war ihm vollständig abhanden gekommen. Als er die Augen wieder erhob, glitzerten die Sterne, stieg der Mond in keuschem Glanz am Himmel empor.
Ein Ton schlug an sein Ohr, der seine Aufmerksamkeit wieder der Außenwelt zuwandte.
War es ferner Donner oder naher Hufschlag den er vernahm?
Zwischen dem Lager und dem Zauberstein lag eine halbe Meile ebenen Landes. An der andern Seite des Stromes stand ein kleiner Wald, zwischen welchem und dem Wasser ein freier Streifen sich hinzog. Eine Gruppe von Pinien am Fuß des Hügels sperrte die Aussicht nach jener Seite.
Walter schloß, daß der Ton, insofern er von Menschen herrührte, von einem Feind kommen müsse, der unter dem Schirm der Finsterniß sich zum Lager schleiche.
Aufmerksam lauschte er.
Das Geräusch nahm zu. Im Lager ward es indessen nicht vernommen. Dort blieb alles ruhig. Der Ton drang leichter zur Höhe empor als in der Ebene vorwärts.
Walter lehnte sich an einen der drei Stämme und gab eine leise ziehenden Laut von sich.
Jung Buffalo und seine schöne Genossin waren im Augenblick bei ihm.
Der Weiße legte den Finger auf die Lippen und deutete nach der Gegend hin, vonwannen das Geräusch kam.
Der Indianer freute sich offenbar über des Freundes feines Gehör.
Juh, machte er; Feind, — Lepan.
Walter hatte also richtig gerathen. Bevor er aber eine Antwort geben konnte, hatte der Freund seinen Arm ergriffen und mit der andern Hand nach einer Stelle hinabgedeutet, wo die Speere einer Reiterschaar blinkten, welche — von der andern Seite des Hügels : gekommen — am Strom den Weg zum Langer abschnitten.
Nur wenige Worte waren es, welche die beiden flüsternd wechselten. Keiner von ihnen dachte an seine eigene Sicherheit. Sie wollten nur die sorglosen Freunde warnen.
Das Dorf war dem Beginn des Angriffs zu erreichen, war offenbar unmöglich.
Ihr schnell gefaßter Entschluß paßte sich den Umständen an.
Vorsichtig kletterten der Weiße und der rothe Mann bis zum Wasser hinab.
Jenseits erblickten sie eine Schaar von hundert berittenen Lepans.
Leise spannte jeder den Hahn seiner Feuerwaffe. Der Brite fuhr mit der Kugelbüchse, der Indianer mit der Flinte zur Wange.
Zwei Schüsse trachten und zwei Rosse wurden ihrer Reiter ledig.
Die Schützen stießen den Kriegsruf der Comanchen aus.
Von der Höhe des Hügels wiederholte eine weibliche Stimme das Feldgeschrei.
Das beherzte Paar rannte den Hügel hinan, verfolgt vom Wuthgeschrei der Lepans.
Ein Haufe eilte dem Flusse zu, um die Angreifer aufzusuchen, welche so unversehns, zwei ihrer Tapfern in Gras gestreckt.
Des Führers Gebot rief die Reiter zurück. Sie gaben den unnützen Versuch auf und schlossen sich der allgemeinen Flucht an, in welcher die Lepans ihr Heil suchten, da sie ihren Anschlag vereitelt sahen.
Als der Büffel und Walter die Höhe erreicht, sahen sie das Lager der Comanchen in voller Bereitschaft, jedem Angriff zu begegnen.
Die ausgesandten Späher trafen keinen Feind mehr im Gehölz.
Nach Verlauf einer halben Stunde langte eine Reiterschaar beim Hügel an, welchen Walter und sein Begleiter nicht verlassen hatten.
Inzwischen war es Kitsi gelungen, unbemerkt das Lager zu erreichen.
Seit wenigstens zwei Stunden hatte die Sonne ihr Nachtlager jenseits des großen Salzwassers ausgesucht. Die Häuptlinge der Comanchen wurden in den Wigwam des großen Häuptlings zum Kriegsrathe beschieden.
Am Himmel zogen dunkle Wolken einher. Sie kamen von den Schneefeldern der Rocky Mountains, [Felsengebirge,] und den nördlichen Gletschern.
Ein scharfer Wind, begleitet vom ewigen Rauschen der Wälder und vom Tosen ferner Wasserfälle strich heulend über die Hügel hin, welche das Lager umgaben, als der Bote die Krieger und Tapfern zum Rath entbot.
Pechschwarz war die Nacht, ganz wie gemacht zu dem Überfall, wozu sie von den Lepans auserkoren gewesen.
Die Wachen, welche zur Hut bestellt, das Lager umritten, näherten sich einander nur mit der äußersten Vorsicht, stets besorgt, daß die Finsterniß einen Feind berge.
Alle Feuer waren gelöscht bis auf die vor der offenen Halle, wohin der Rath berufen worden. Dort beleuchtete der rothe Schein »das Dach von Rinde und die Wände von Tannenholz«, bekleidet mit der Decke des Rothwildes und dem Rauhwerk dem Zottelbär.
Inmitten des Gemaches saß still und ernst der greise Häuptling.
Um die Schultern schlang sich ein Bärenfell das mit den befranzten Mokassins an den Füßen die gesammte Kleidung bildete, welcher sich als Schmuck der Hauer eines Ebers, auf der Brust hängend, eine Feder im Haar und ein paar Muscheln als Ohrgehänge gesellten.
Sein Blick war mild, und trotz seiner bunten Färbung glich er an grimmig wildem Aussehen nicht den Kriegern seines Volkes.
Nicht allzulange blieb er allein. Eine rothe Gestalt nach der andern kam still und ernst herein, bis der Raum gefüllt war.
Alle nahmen Platz bis auf zwei, welche in einiger Entfernung stehen blieben.
Der eine davon war ein junger Krieger von auffallendem Aussehen. Ueber Mittelgröße und fast zu füllreich, trug seine Gestalt in Knochen und Muskeln die Zeichen ungewöhnlicher Stärke zur Schau. Auf dem Haupte trug er keine andere Bedeckung, als die ihm die Natur in überschwänglicher Fülle verliehen. Sein reiches Haar hing ihm rückwärts hinab bis zu den Kniekehlen. linker dem Gürtel schlang sich eine Schürze um die Hüften. Ein Band, das über die linke Schulter ging, trug einen ausgezeichnet schönen Köcher und den Tomahawk. In der rechten führte er einen langen Speer, dessen Spitze im Schein des Wachfeuers lustig funkelte. Die linke hielt den Bogen und einige Pfeile. Von der Schulter auf derselben Seite hing ein Schild von Büffelfell, mit Federn und anderem Tand aufgeputzt.
Dieser Krieger war Jung Buffalo, (»Der junge Büffel.«)
Sein Genosse, der weiße Mann, war Walter Mainwaring.
Tiefes Schweigen herrschte in der Versammlung das endlich der Häuptling brach.
Der wilde Stier, hob er an, war ehedem wahrhaft hitzig. Sein Blut rann heiß, sein Blick spähte scharf, und er sah den Feind von weitem. Seine Nüstern witterten die Schlacht, sein Ohr liebte den Klang der Speere und das Zischen der spitzen Pfeile. Seitdem aber hat Wild Stier die Weisheit gewonnen. Er begreift, daß die rothen Männer , Freunde sein sollten. Ein Comanche ist kein Lepan und kein Crow; aber der Comanche ist roth und der Lepan ist roth. Beider Feinde sind die bleichen Gesichter. Sollen nun die Rothen ihr eigenes Blut unter sich vergießen? Nein! Laßt den Friedensboten ausgehen, — damit Comanche und Lepan als Brüder jagen.
Die bejahrten Männer spendeten dem friedlichen Vorschlag ein Murmeln des Beifalls. Auf den Lippen der jungen Krieger spielte ein verächtliches Lächeln.
Eine Beratung entspann sich, worin die friedliche Gesinnung augenscheinlich die Mehrheit gewann.
Jung Buffalos Auge begegnete dem Blick des Vaters. Er las darin keine Mißbilligung seiner Kühnheit und hob zuversichtlich an:
Ein bejahrter Baum hat Worte der Weisheit gesprochen und es ziemt dem jungen Schößling nicht, noch etwas zu sagen; aber Jung Büffel sieht die Hunde von Lepans und seine Seele lechzt, den Kriegspfad zu betreten.
Die gelassene Beredsamkeit des Vaters überwog. Der Beschluß ging durch, die Hand zum Frieden zu bieten. Ein Bote ward erkoren und nach dem Lager der Lepans abgefertigt, um die Anträge zu überbringen.
Jung Buffalo und Mainwaring zogen sich zurück, der erstere in der übelsten Stimmung. Er hegte keinen andern Wunsch, als sich in den Augen seiner Liebsten auszuzeichnen, und beklagte, die gute Gelegenheit dazu einschlüpfen zu sehen.
Im Morgengrauen kehrte der Bote mit dem Bescheid zurück, daß die Lepans bereit seien, mit den Comanchen zu unterhandeln. Sie wollten sich zu diesem Behufe jenseits des Zaubersteines lagern.
Dem jungen Büffel kehrte sich das Herz im Leibe um, als er die Botschaft vernahm. Als echte Rothhaut behielt er seine Gefühle für sich; nur gegen den weißen Freund machte er kein Hehl daraus.
Große Thaten vollführten die Comanchen in der Väter Tagen. Jetzt wollen sie Weiberröcke trage. Was hilft es, daß Jung Buffalo tapfer ist? Meine Väter sind Memmen.
Nicht doch, versetzte Mainwaring, nicht feig, sondern weise. Sie wollen ihren Stamm durch die Vereinigung mit den Lepans stärken. Sie tragen billige Scheu, Menschenblut zu vergießen.
Das rothe Blut ist zum Vergießen gemacht, brummte der Indianer. Es schäumt und sprudelt in meinen Adern. Ich muß es meinen Feinden ins Antlitz spritzen.
Sei zufrieden, mahnte Mainwaring; noch ist der Friede nicht geschlossen.
Mit diesem leidigen Troste machte sich Jung Buffalo in Begleitung seines weißen Freundes nach dem Platz auf, der zur Zusammenkunft erkoren worden.
Die Stelle war ein weiter Platz ohne Baum und Büsch, aus einer Seite vom Lager der Comanchen begrenzt, auf der andern in die endlose Ebene sich verlierend.
Dort bot sich ein Anblick von seltener Großartigkeit dar, und überraschend selbst für Mainwaring, so vertraut derselbe auch mit indianischen Zuständen war.
An der Lagerseite waren drei Reihen tief ungefähr zweihundert berittene Comanchen aufgestellt, Mann wie Roß in stattlich kriegerischem Aufzug.
Unter allen nordamerikanischsen Wilden gleichen diese kriegerischen Indianer noch am meisten den Arabern. Auf ihren kleinen Rossen von derber Gestalt und unermüdlicher Ausdauer, bewaffnet mit Spieß, Schild, Bogen, Gewehr das Haupt und die Beine mit allerlei Zierrat verschwenderisch bedeckt, das lange Haar im Winde flatternd, zuweilen die Fersen mit spanischen Sporen von erstaunlicher Länge besteckt, bieten sie das Bild einer nicht zu verachtenden Reiterschaar, die sie in der That auch sind.
Ihnen gegenüber standen in gleicher Weise die Lepans, an tausend Rosse stark.
Zwischen den berittenen Heerhaufen verkehrten die Führer zu Fuß.
Mancher Krieger, berühmt in den Geschichten der Steppenkriege, und manche Tapfere, der viele starke Widersacher bügellos gemacht, trafen hier zum erstenmal friedlich zusammen. Verstohlen neugierige Blicke musterten den beiden Seiten den und jenen, wenn flüsternd der Name des Kriegers genannt ward, der unerschrockenen Herzen wohl schon bange Sorge eingeflößt und manche Wange gebleicht hatte. Keiner suchte seine Bewunderung zu bemänteln, wenn er einen berühmten Namen vernahm. Als Jung Buffalo erschien, grüßte ihn ein Beifallsgemurmel, das bekundete, wie allen der Ruf seiner Tüchtigkeit bekannt geworden. Sie Lepans wußten auch, daß er im Rathe seines Volkes gegen den Frieden gesprochen. Keine Eigenschaft erregt in so hohem Grade des Indianers Achtung, als rücksichtsloser Muth.
Bald nach Ankunft des jungen Kriegers ließen sich die Indianer im Ringe nieder. Den eigenen Halbkreis bildeten die Comanchen, den andern die Lepans.
Die Friedenspfeife machte ihre Runde durch die dunkeln Reihen.
Wild Stier erhob sich, um in ruhig schlichter Rede der Versammlung seine Vorschläge zu ewigem Frieden und dauernder Freundschaft vorzutragen. Er sprach entschieden klar und wohlüberlegt. Nachdem er sich gesetzt, wagte keiner der Seinen, wenn er im Herzen etwa auch anders dachte, dem ehrwürdigen Häuptling zu widersprechen.
Die Große Schlange gab Antwort für die Lepans.
Auch der bisher feindliche Häuptling war des Zwistes und des Blutvergießens zwischen den rothen Männern satt, auch er wünschte die zwei kriegerischen Stämme zu Schutz und Trutz gegen die bleichen Gesichter bereinigt zu sehen, welche tagtäglich mehr der Indianer Jagdgebiete und Freiheit beeinträchtigten. Darum ging er im Namen seines Volkes auf die gemachten Vorschläge ein, meinte aber, daß es zur Befestigung des Bundes ungemein beitragen würde, wenn das schönste Mädchen der Comanchen sich mit einem tapfern Krieger der Lepans vermählte.
Dagegen ward kein Einspruch erhoben. Zu einem untergeordneten Krieger gewendet befahl Wild Stier, Kitsi herbeizuholen. Von der Liebe seines Sohnes wußte der alte Mann nichts.
Mainwaring, welcher zunächst bei Jung Büffel saß, preßte den Arm des Freundes mit einer Gewalt, welche selbst den Wilden in Erstaunen zu setzen geeignet schien und hauchte ihm die Frage ins Ohr:
Willst Du’s leiden?
Nein! versetzte der andere bündig genug.
Ein Kopfnicken zeigte an, daß für den Augenblick darüber zu schweigen sei.
Bald kam Kitsi zum Vorschein, angethan nach der Sitte ihres Stammes.
Ihr kurzes Haar trug keinen Schmuck. Ein Gewand von Elennfell, um den Leib mittelst eines Riemens befestigt, reichte vom Nacken bis zu den Fersen. Elennzähne und sonstiger Zierrat waren verschwenderisch angebracht. Den Anzug vollendeten Mokassins,— die indianische Fußbekleidung von Wildleder.
Beherzt aber dabei zurückhaltend bescheiden, trat das Mädchen in den Kreis und vernahm, was über sie beschlossen worden.
Ein leiser Schauer und ein Blick schmerzlicher Überraschung waren die einzigen Zeichen, welche Kitsi anfänglich gab, bis sie nach einer Weile die Lepans mit dem Ausdruck der Geringschätzung betrachtete und sich dann zu den Häuptern ihres Stammes wandte:
Ist Kitsi eine schwarzfüßige Sclavin, daß ihr sie den Feinden ihres Volkes als Friedensgabe überantwortet? O ihr Tapferen und Braven! Ihr habt Weiberröcke angelegt und eure Waffen verbrannt. Ein armes Mägdelein wird zum Opfer eurer Elendigkeit. Aber sie wird den Lepans zeigen, daß — wenn auch die Krieger der Comanchen zu Weibern geworden, — wenigstens ihre Mädchen Männer sind. Kitsi nimmt den Kampf auf. Sie will keinen Mann, der sie nicht zu gewinnen weiß. Gebt ihr ein flüchtiges Roß und einen Vorsprung zu jenem Walde; dann mögen sechs tapfere Lepans aufsitzen und sie verfolgen. Wenn Kitsi den Ausgang des Canon de Uvaldi erreicht, ist sie frei; wenn ein Krieger vorher sie greift, wird sie sein Weib. Ich habe gesprochen.
Juh! Gut! riefs von allen Seiten in fast unwillkürlichem Ausbruch von Bewunderung und allgemeiner Zustimmung.
Kitsi wandte den Blick ihrem Liebsten zu. Sie hoffte in seinen Augen Beifall zu lesen; er aber verzog keine Miene. Der Vorgang schien ihn vollkommen gleichgültig zu lassen.
Der Vorschlag des kühnen Mädchens ward förmlich angenommen und der nächste Tag zur Ausführung anberaumt.
Schmaus und Lustbarkeit feierten indessen den neuen Bund.
Jung Buffalo und Mainwaring nahmen keinen Theil an der Lustbarkeit. Sie zogen sich zurück, um mitsammen Rath zu halten.
Der Indianer wurde immer düsterer und seine Stirne lag doll Wetterwolken.
Was drückt meinen Bruder, fragte Walter, warum dräut seine Stirne?
Der große Geist will dem Jungen Büffel nicht wohl. Er denkt an Kitsi und Trübsal erfüllt sein Herz. Will der weiße Bruder ihn nicht zum Land der Träume führen, damit er seines Trübsinns vergesse?
Mainwaring war bekannt wegen seines Reichthums von Sagen und Märchen, ebenso wegen der Weise seines Vortrages; indessen war er aus Gründen, die hier mit Schweigen übergangen werden, viel zu befangenen Gemüthes, um aus dem Gedächtniß etwas zu erzählen; darum kramte er aus seinem Mantelsack ein halbzerrissenes Blatt Papier hervor und las ein Märchen ab, das er einige Monate früher aufgezeichnet, um es einer Zeitung seiner erkorenen Heimat zuzusenden, die er besonders begünstigte. Er unterbrach zuweilen die Vorlesung, um einige Bemerkungen einzustreuen, die er für nothwendig erachtete. Den Stoff der Auszeichnung hatte ihm eine Sage geliefert, die unter den Comanchen gang und gebe war. Sie lautete:
Die Sagen und Überlieferungen der Indianer drehen sich fast ohne Ausnahme um Raub, Todtschlag, Rache; selten handeln sie von menschlich schönen Regungen, so daß, wenn je einmal sich eine Ausnahme von der allgemeinen Regel findet, sie einem glücklichen Fund gleicht, einer klaren Quelle, die in grünem kühlem Waldesschatten erfrischend sprudelt, zehnfach willkommen um ihrer Seltenheit willen nach langer Wanderung durch die heiße Graswüste.
Alle Stämme von Eingebornen der weiten Ebenen, der Berge und Thäler von Amerika haben ihre Sagen; die Comanchen aber, wie sie die ausgezeichnetste der jetzigen Völkerschaften sind, besitzen unter allen auch die anziehendsten Überlieferungen.
Die nachfolgende Geschichte, an winterlichem Heerd mit halblauter Stimme den schweigsamen Hörern erzählt, habe ich in ihrer Ursprünglichkeit aufzuzeichnen versucht, um sie, wenn auch nicht dem Vortrag, so doch wenigstens dem Inhalt nach aufzubewahren, wie ich sie vernommen.
Während eines der Jagdausflüge, woraus in Texas meist liebstes Vergnügen bestand, gelangten wir in eine Gegend zwischen dem Brazos und dem Colarado, wo wir den Gehegen der Indianer nahe genug waren, um einige Gefahr zu laufen.
Unsere Art, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, war so eigenthümlich, daß sie einer besondern Erwähnung werth erscheint.
Wir wählten eine tiefe Schlucht, überhangen von den Ästen einer Gruppe von Weißtannen, durchfurcht vom Bett eines Wildbaches, das zur Zeit trocken lag. Dort zündeten wir unser Feuer an, dessen Schein von der Böschung und dem überhangenden Gestrüpp hinlänglich gedämpft ward, um nicht die Wipfel der Bäume zu beleuchten und uns dadurch unwillkommene Gäste zuzuziehen. Unsere Mäntel und sonst entbehrliche Kleidungstücke dienten dazu, den Schein noch vollends abzusperren. Unser Boot lag geborgen in einer benachbarten Bucht.
Nachdem wir dergestalt unsere Vorkehrungen getroffen, zündeten wir unsere Pfeifen an. Die Pfeife gehört unabweislich zum Leben im Walde. Wir verzehrten unser Nachtmahl und erhielten uns mit Muthmaßungen über das, was wir allenfalls thun würden, wenn eine Streifpartei von Wakkus uns überfiele.
Unmöglich wäre es, alle die wilden und aufregenden Geschichten nachzuerzählen, welche sich daran schlossen. Doch eine davon sei hier aufgezeichnet. Sie ist unsern der Quellen des St. Antonioflusses bei den Comanchen heimischt inmitten des Gebirges, wo der Erzähler, wie er sagte, im Augenblick sich wohler befunden haben würde, als an den Grenzen der Ansiedlungen. Die Geschichte lautet wie folgt:
In einer der tiefen dunkeln Klüfte des wilden Bergzuges, welcher vom klippenreichen Colorado bis zum Ursprung des St. Antonioflusses emporsteigt, zu den Quellen, welche wenige Klafter von der Stelle, wo sie den Schoß der Erde verlassen, sich schon zu einem Bach vereinigen, — ungefähr gleichweit vom letztgenannten Fluß und dem durchsichtig klaren Guadalupe entfernt, quillt stark und voll aus einer Felsenschicht der San Marcos. Die Gewässer, von allen Seiten zuströmend, vereinigen sich in einem tiefen Becken, welches den klaren Strom entsendet, während seine blanke Oberfläche die reizend wilde Umgebung friedlich wiederspiegelt.
Blöcke von Quarz und Granit lugen verstohlen hie und da aus dem reichen Grün der mannichfachen Bäume und Pflanzen, und zur Blütezeit aus einer Fülle von Blumen aller Farben.
Überall — oben wie unten — öffnen sich die wundervollsten Aussichten. In der Neuen Welt allein findet sich noch die Natur in ihrer ganzen wilden Größe und herben Schönheit, unentweiht dort Spuren menschlicher Thätigkeit. Der besondere Reiz aber der traulich lieben Stelle am Ursprung des San Marcos besteht in der großen Mannigfaltigkeit der Aussicht; hier wilde Berge und düstere Schluchten, dort sammtene Wiesengründe, hier starres Gestein, dort lachende Blüthen, — fürwahr, der Geist der Quelle hat sich einen Wohnsitz erkoren, der in wechselvollem Reichtum alle Schönheiten der Erde vereint.
Eine auffallende Eigenthümlichkeit der Gegend ist, daß Wälder, Gehölze und einzelne Bäume, — mit Ausnahme derjenigen an den Ufern der Flüsse, — von allem Unterholz und Gestrüpp frei sind in Folge der jährlichen Brände, die im Herbst und zu Ende des Winters zwar die grünen Hecken und Ranken auf den Grasgründen verschonen, aber das Gestrüpp im Schatten der Wälder nicht aufkommen lassen.
Dort hausten ehedem die Comanchen vorzugsweise gern. Auf diesem Lieblingsplatz standen oft und lange ihre Gezelte. In der Quelle, im Schatten der Bäume, zwischen dem üppigen Pflanzenreichthum haben Tausende von großäugigen dunkeln Mädchen geplaudert oder geträumt oder mit gesenkten Wimpern und hochschlagendem Herzen den Liedern und Erzählungen von der Liebe Lust und Weh gelauscht.
Der Ort hat manche tapfre That gesehen, manches Wort der Hoffnung, der Freude und der Sorge vernommen. Streitbare Männer haben hier am dunkeln Abend vor dem heißen Tage der Schlacht Gelübdes zum großen Geist emporgesendet, der ihre Väter vor dem eisigen Hauch des Wintersturmes beschirmte und die im Streit Gefallenen zu den Jagdgründen der Seligen trug.
Jetzt meiden die Comanchen jene Stelle. Kaum wagt mehr ein schöner Fuß den Grund zu betreten, wo ehedem das belebte Lager stand, und die Stille wird nur vom Gesang der Vögel unterbrochen.
Die lange Abwesenheit der Jäger hat die Thiere an Freiheit ohne Gefahr gewöhnt. Das wilde Pferd weidet sorglos die grüne Nahrung ab, der Büffel verdaut unbesorgt seine Mahlzeit im Schatten. Elenn und Rothwild ziehen friedlich einher. Die Wasservögel schwimmen und fliegen in voller Sicherheit ab und zu. Sie befinden sich wie im Paradies, vom Gottesfrieden beschirmt, welchen der Mensch, das furchtbarste aller Raubthiere, nicht stört.
Der Geist der Duelle ist hier zum Wächter bestellt. Wehe dem Indianer, der hier seinen Speer schwingt, seinen Bogen spannt oder nur wagt, einen Tropfen des Wassers zu nippen.
Es ist eine bekannte Sache, daß die kriegerischen Comanchen, obschon sie ringsum alles Land behaupten, in ihrer Scheu vor dem Geiste seinen Bezirk mit der größten Achtung behandeln. Sie fangen innerhalb seiner Grenzen kein Pferd, erlegen kein Wild, halten keine Mahlzeit und legen sich auf seinem Boden nicht zur Ruhe. Von Geschlecht zu Geschlecht warnen die Alten ihre Sprößlinge vor dem Geist der Quelle, und mit Ehrfurcht hören Knaben wie Mädchen das Wort der Erfahrung.
Unfern des St. Antonioflusses; etwa zehn Meilen unterhalb von Bexar, standen die Trümmer der ehedem so stattlichen Priest-Ansiedlung von San Juan auf einer Anhöhe mit weiter Fernsicht über das reizende Thal.
Die steinernen Ringmauern sind eingestürzt, die Wohnungen verfallen, alle Spuren von Anbau vertilgt; nur die Überreste des alten Gotteshauses stehen noch aufrecht, ein Denkmal der ersten Eroberer des Landes.
Vor etwa hundert Jahren kam ein junger Engländer nach Mexico, dessen Vater als Gesandter in Madrid einer Spanierin die Hand gereicht hatte. Er wollte einen Verwandten besuchen, welcher es durch seines Vaters Heirath geworden.
Eduard Malmesbury, ein wohlgemachter Jüngling, besaß einen starken Anteil von jenem abenteuerlichen Geist, welcher sein Volk überhaupt auszeichnet.
Sein Verwandter, ein geistlicher Würdenträger, wohnte im Innern des Landes, in Texas, wie wir (irrthümlicher Weise!) das Land Tejas schreiben und nennen.
Eduard machte sich von Mexico (eigentlich: Mejico) nach San Juan auf den Weg, von einem einzigen Diener begleitet.
Sau Juan stand damals in voller Blüthe seiner Herrlichkeit.
Wohlbefestigt besaß es außer seinen Klöstern auch vorzügliche Bildungsanstalten für die Jugend beiderlei Geschlechts, und war berühmt um seiner gesunden Lage willen, der zu Liebe viele Spanier einen Theil des Jahres dort zuzubringen pflegten.
Männer von berühmtem Namen oder ausgezeichneter Stellung trafen zu San Juan zusammen. Reiche und unabhängige Edelleute, die den der Krone weder Ämter und Würden noch Geld verlangten, verzehrten ihre Einkünfte in dem angenehmen Aufenthalt.
Bischöfe, Prälaten, alte Frauen, junge Schönheiten bildeten die Bestandtheile einer Gesellschaft, durch welche der Ort, welchen ursprünglich nur Sendpriester zur Ausübung ihres geweihten Berufes der Heidenbekehrung ausgewählt, zum weltlichen Paradiese ward.
Nach unangenehm mühseliger Fahrt erreichte Eduard Malmesbury das gesteckte Ziel. Seinen erkrankten Diener hatte er der Obhut barmherziger Brüder übergeben. Ihn selbst nahm sein Oheim, ein ehrwürdiger Priester castilianischen Blutes und Vorstand der Mission, freundlich auf, keine Mühe scheuend, kein Geld sparend, um dem stattlichen und vornehmen Verwandten den Aufenthalt möglichst angenehm zu machen.
Obschon die gottesdienstlichen Pflichten und alle Verrichtungen des geistlichen Berufes nicht im mindesten vernachlässigt wurden, so blieb immer noch Muße genug, allerlei Kurzweil zu veranstalten. Bälle, Maskeraden, Gastgebote folgten sich in bunter Reihe. Man unternahm in großer Gesellschaft Ausflüge nach Bexar und andern Städten. Man ging fleißig auf die Jagd, woran der junge Britte das allermeiste Vergnügen fand.
Eduard Malmesbury schwamm in Freude und Lust, doch was ihn mehr bezauberte als alle die rauschenden Lustbarkeiten, das war — wie sich von selber versteht — der Liebreiz einer schönen Dame.
Nie hatten seine geblendeten Augen solche Fülle von Schönheit vereint gesehen.
Die großen schwarzen Augen, das Rabenhaar, die vollendeten Formen in Zügen und Gestalt, die dunkle Pracht der bräunlichen Haut, welche Herrlichkeit.
Eduard hatte von seinem Vater den Geschmack an südlichen Formen und Farben geerbt. Er war ja selbst ein halber Spanier, sein Auge gewöhnt an jenen ausdrucksvollen Reiz, wie ihn nur der heiße Sonnenstrahl zur Reife bringt.
Sein Herz hatte nicht lange gezögert, unter den mannigfachen Schönheiten der zahlreichen Gesellschaft sich für die eine zu entscheiden, die ihm die reizendste schien.
Guadalupe, ein Sprößling aus halb mexikanischem halb spanischem Blute, war von Eduards Oheim an Kindesstatt angenommen, die einzige Erbin seiner Reichthümer, und außerdem noch Besitzerin ausgedehnter Ländereien.
Sie zählte bereits achtzehn Jahre, — in Mexiko ein vorgerücktes Alter für junge Mädchen, die nicht überhaupt alte Jungfrauen werden sollen. Es hatte ihr nie an Bewerbern gefehlt, doch keiner von allen ihre Gunst gewonnen.
Guadalupe war viel anders erzogen als ihre Gespielinnen. Der Pflegevater hatte ganz gegen das Herkommen ihren Geist und ihr Herz gebildet. Sie verachtete die trägen und leeren Köpfe ihrer Umgebung, deren armselige Gedanken nicht über den Morgenspaziergang, die Mittagsruhe, den abendlichen Ball und die unvermeidliche Cigarre hinausreichten. Die Langweiligkeit mit der stolzen Anstandsmiene, welche dem Spanier nicht minder eigen ist wie dem Türken, war ihr bis in den Tod zuwider.
Die gesammte Jugend von San Juan hatte mehr oder weniger schon zu Guadalupes Füßen geseufzt. Als der junge Brite ankam, hatte sich der Anbeterschaar ein Häuptling der Comanchen zugesellt. Er wurde mit dem Beinamen Carmen genannt. Seine Bewerbung, ohne Hoffnung auf Erfolg, bestand darin, daß er wie ein ruheloser Geist die Wohnung der Schönen umirrte, die ihm nicht sowohl wie ein sterbliches Weib als wie ein unsterbliches Lichtgebilde aus Himmelshöhen erschien.
Carmen lebte, fühlte, dachte nur in seiner Liebe. Er hatte die Seinen verlassen, um in der Gegend zu bleiben, wo seine weiße Gottheit weilte, unbekümmert um den Spott seiner ehemaligen Genossen. Sein Leben war durch den alten Geistlichen erhalten worden, als man ihn verwundet und gefangen nach San Juan gebracht; damals hatte der junge Wilde die reizende Guadalupe zum erstenmal erblickt, und als Preis für sein Leben das Herz zurückgelassen.
Was mancher mit unermüdlicher Ausdauer und geduldiger Hingebung vergebens erstrebt, Eduard Malmesbury gewann es in wenigen Tagen.
Er war ein ungestümer und hochfliegender Geist, voll Feuer und Thatkraft; er hatte auf weiten Reisen viel gesehen und mehr noch gelesen; Guadalupe erkannte seine Überlegenheit, und aus der Dachachtung entsprang die Liebe.
Diese gegenseitige Neigung machte unter den abgewiesenen Freiern viel böses Blut, aber dem Vormund machte sie Freude, und selbst Carmen fühlte ein schmerzliches Behagen, diejenige glücklich zu sehen, die er vor allen liebte.
Günstige Sterne leuchteten, wie es schien, dem Bunde der Herzen.
Wenige Tage nach diesem wichtigen Umschwung in den Zuständen von San Juan zog am frühesten Morgen die ganze Gesellschaft zu Pferd durch den weiten Thorbogen von saracenischer Bauart in das freie Feld hinaus.
Ein sinnlicher Zug war es von schönen Reiterinnen und wohlbewehrten Reitern, das reizendste Paar darunter Guadalupe und der vielbeneidete Eduard.
Ein zufriedenes Lächeln spielte auf den Lippen des hochwürdigen Oheims beim Anblick des jugendlichen Brautpaares. Doch griff er plötzlich nach den Zügeln in Eduards Hand, welche dieser sofort anzog.
Gott segne euch, Kinder. Aber gebt fein Obacht. Die Pferde sind stetig, die Wege schlecht. Herr Eduard, ich binde Ihnen mein Kind auf die Seele, Bringen Sie es wohlbehalten zurück.
Malmesbury verbeugte sich schweigend. Was sollte er auch auf eine so überflüssige Mahnung entgegnen? Er winkte seinem Diener, ihm zu folgen. Der Bursche war genesen und Tags zuvor wieder bei ihm eingetroffen.
Bald hatten sie die Gesellschaft wieder erreicht.
Das fröhliche Getümmel schoß munter über den Grasboden hin, in edlen Reiterkünsten wetteifernd, um sich dann je nach Lust und Laune in verschiedene Gruppen dahin und dorthin zu zerstreuen.
In anmuthige Träumerei versenkt, sah der alte Oheim von der Mauerzinne den Verlobten nach, und dachte mit freudiger Ungeduld an die nahe Hochzeit.
Doch horch, was war das?
Der Comanchen nur allzu wohlbekanntes Kriegsgeschrei schlug an das erschreckende Ohr.
Die Ebene bedeckte sich mit wilden Reitern, die — von allen Seiten auftauchend — schreiend die vereinzelten Gruppen umschwärmten.
Der alte Herr war nicht der einzige, welcher den Überfall sah. Auch Carmen hatte trüben Glückes dem Zuge nachgeschaut. Jetzt war seine erste Sorge, sein Pferd und seine Waffen aufzusuchen, um der Wahlstatt zuzusprengen.
Die Spanier und der Brite fochten mit jener verzweifelten Wuth, welche das Zusammentreffen mit einem erbarmungslosen Feinde zu erregen pflegt, besonders wenn es gilt, Leben und Ehre derjenigen zu vertheidigen, die uns theurer sind, als das eigene Dasein.
Trotz der verzweifelten Gegenwehr Eduards, seines Dieners, der spanischen Edelleute und des zum Beistand herbeigeeilten Carmen blieb der Widerstand vergeblich. Pfeil und Bogen vollzogen ihre tödtliche Sendung. Die meisten Mädchen wurden mit ihren ritterlichen Verteidigern erschlagen. Sie fielen auf Wälle von Leichen, welche der tapfere Wiederstand aufgethürmt.
Gefangen wurden nebst einigen weinenden Damen nur Guadalupe, ihr Verlobter, sein Diener und Carmen, der letztere aufgespart zu den furchtbarsten Folterqualen, die seinen Abfall bestrafen sollten.
Während der ganzen Dauer dieses blutigen Schauspiels — und es war so lang wie betrübt — starrte der alte Oheim, auf die Mauerzinne gelehnt, in stillem Entsetzen vor sich hin. Sein Blick haftete an Eduards Schimmel und an Guadalupe’s apfelgrauem Zelter. In seiner bittern Angst ließ er doch nicht von der Hoffnung bis zum letzten Augenblick. Von der luftigen Hohe hinabblickend hob er sein Kreuz wie ein Banner in die Höhe, brünstige Gebete mit bebenden Lippen murmelnd. Keine Bewegung entging seiner Aufmerksamkeit.
Endlich entschied sich der Sieg für die Übermacht. Er sah in den Händen der wilden Indianer, was ihm auf Erden das Liebste war, er wußte, welches Los der Gefangenen bei den Comanchen harrte.
Zuviel für den gebrechlichen Greis. Er drückte das Krucifix an die Lippen und sank nieder, um sich nie mehr zu erheben, ein Bild des Jammers, der über die Ansiedlung von San Juan gekommen war.
Ein langer und beschwerlicher Ritt von sechzig Meilen brachte die Gefangenen durch Grassteppen nach dem Lager der Comanchen.
Carmen, obschon schwer verwundet, sann nur auf Flucht und Rettung.
Die Wigwams waren bei der Quelle von San Marcos aufgeschlagen, wo tausend Indianer sich versammelten, in der doppelten Absicht: die gefallenen Tapfern zu beklagen und die glänzende Waffenthat zu feiern.
Die Gefangenen wurden unter strenger Obhut auf einer Felsenklippe über der Quelle untergebracht und mit Nahrung versehen. Sie sollten zu einer martervollen Hinrichtung aufbewahrt werden.
Die Comanchen begannen ihr dreitägiges Jubelfest mit Tanz und Schmaus und unter Beschwörung ihrer alten Zauberinnen.
Eduards Diener, von seiner Krankheit kaum hergestellt, bekam einen Rückfall und starb daran. Sein Übel mochte von ansteckender Art gewesen sein; wenigstens brach alsbald nach seinem Tode ein böses Fieber im Lager aus.
Die Verheerungen, welche die Krankheit unter den Comanchen anrichtete, waren kaum weniger furchtbar, als das Hausen der Blattern bei den Schwarzfüßen. Schrecken und Furcht bemächtigen sich der Gemüther. In der Fieberhitze stürzten sich viele der Befallenen ins Wasser, um ihre Qual abzukürzen. In wenigen Tagen gab es mehr der Todten als der Lebendigen.
Der Grund der Seuche ward den Indianern wohl nicht klar, indessen brachten sie doch allmälig die Krankheit mit der Anwesenheit ihrer Gefangenen in irgendwelchen ursächlichen Zusammenhang. Die Übriggebliebenen beschlossen, die tödtliche Gegend zu verlassen, doch nicht ohne zuvor ihre Muth im Blute der Gefangenen gekühlt zu haben.
Sie eilten racheschnaubend zur Klippe empor, welche den Kerker vorstellte.
Die Wächter waren dem allgemeinen Siechthum erlegen. Ihre Waffen lagen auf dem Boden.
Die Gefangenen waren entschlossen, ihr Leben theuer zu verkaufen. Eduard stellte sich vor Guadalupe und schwang rüstig das Schlachtbeil.
Manchen Feind schlug er zu Boden. Endlich fiel er, aus unzähligen Wunden blutend.
Die Wilden zeigten die Absicht, Guadalupe lebendig zu greifen.
Die Jungfrau hatte sich mit Bogen und Köcher bewährt. Sein ersten der Angreifer schoß sie mitten durchs Herz. Dann eilte sie zum Felsenrand, schnellte noch einen zweiten Pfeil los und stürzte sich in die Fluth.
Entsetzt über das Verhängnis, welches in Folge des Überfalles von San Juan über sie gekommen, und in der Voraussetzung daß ein Fluch sie belaste, eilten die Comanchen von dannen und flüchteten sich tief in die Berge.
Am nächsten Morgen nach ihrem Abzug schleppte sich ein verwundeter Indianer müde und matt zum Wasser und starrte mit suchendem Blick in die Tiefe.
Drunten lag in der Hülle von flüssigem Krystall die schöne und unglückselige Guadalupe, angethan mit dem Schmuck von Gold und Edelsteinen, wie sie von San Juan ausgeritten. Die Sage geht, daß sie Jahre hindurch wohlerhalten so geblieben.
Der betrübte Indianer war Carmen.
Seufzend blickte er lange hinunter. Den Rest des Tages verwandte er dazu, die rings im Lager zerstreuten Pfeile aufzulesen, welche er nebst einigen Bogen unter einem Busche im Dickicht am Rande der Quelle verbarg.
Dort blieb er sitzen und verließ die Stelle nur für so lange Frist, als er bedurfte, um sich die tägliche Nahrung zu verschaffen.
Eine geraume Weile hatte er ungestört in seiner Einsamkeit zugebracht, als eines Tages etliche junge Indianer sich zeigten, welche von den Ereignissen erfahren hatten und den Schauplatz derselben sehen wollten.
Kaum hatten die Ankömmlinge den Körper der todten Jungfrau in der Tiefe entdeckt als einer von ihnen niederstürzte, von einem Pfeil durchbohrt.
Ein zweiter Pfeil schwirrte durch die Luft.
Den dritten warteten die ungeladenen Gäste nicht, sondern ergriffen die >Flucht.
Von selbigem Tage an bis zur Stunde seines Todes lebte Carmen nur als Wächter und Rächer seiner stillen Liebe. Wenn ein Indianer der Quelle nahte, so büßte er alsbald den Vorwitz mit seinem Leben.
Viele starben. Das Gerücht vergrößerte die Zahl der Gefallenen. Allgemein hieß es, daß der Quellengeist die tödlichen Pfeile sende. Seitdem wagt sich keine Rothaut mehr in die nähe der verhängnißvollen Stelle.
Das ist die Sage vom Geist der Quelle.
Jung Buffalo hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Wenn ihm vielleicht auch die Sage im allgemeinen nicht unbekannt sein mochte, so waren die Einzelheiten ihm jedenfalls neu.
Inzwischen war die Nacht gekommen und mit ihr die Zeit, gewisse Vorbereitungen für die bevorstehenden Ereignisse zu treffen.
Mit einem tief aus der Kehle geholten »Juh!« seine Anerkennung ausdrückend, erhob sich der rothe Mann und verließ mit seinem weißen Freund die Hütte.
Mit Tagesanbruch waren Comanchen und Lepans auf den Füßen und schaarten sich um die Stelle, von wo aus die reizende Kitsi ihren wunderlichen Ritt antreten sollte. Ein schöner Morgen war’s. Keine Wolke trübte des Himmels klares Blau. Ein sanfter Wind wehte Wohlgerüche von den begrasten Hügeln herüber. Mit schrägem Strahl erhellte die aufgebende Sonne die Gipfel der Höhen.
Fern am Rande des Gesichtskreises zog sich ein Silberstreif auf blauem Fußgestell hin, kalkweißen Wolken nicht unähnlich. Etwas mehr zur Linken zog sich deutlicher erkennbar ein minder hoher Grat mit einer tiefen Scharte hin. Jener Silberstreif warf durch die beschneite Häupter der Rocky Mountains gebildet, diese Scharte aber der Canon de Uvaldi. Dorthin hatte noch in der Nacht eine Abteilung von Reitern beider Stämme sich begeben um von erhöhtem Standpunkt die Bergschlucht zu beobachten und das Amt von Kampfrichtern zu verwalten.
Mann, Weib, Kind und Hund aus beiden Lagern drängten sich zum Stelldichein. Nie hat es wohl eine buntscheckigere Versammlung auf einem Wiesenplatz Amerika’s gegeben. Hier trat festen Schrittes in seiner grellen Farbenpracht der grimmige Krieger auf, den gewohnten Ernst der Züge durch ein halbes Lächeln gemildert; dort über und über mit Roth beschmiert die alten Weiber, verächtlich ein Schauspiel betrachtend, für das ihr erkaltetes Herz mit dem Verständnis die Theilnahme verloren; dann wieder die lebensfrische Jugend, fröhlich und wohlgemuth, die langen Zöpfe mit Roßhaar durchflochten, frisch bemalt, stattlich herausgeputzt, umgeben von Schwärmen junger Mädchen, deren Aussehen vollkommen dem Ruhm texanischer Indianerschönheit entsprach. Sorgfältig geschmückt, ausdruckvollen Auges, schwarzen Haares, und von Wangen und Gliedmaßen, boten die Jungfrauen einen allerliebsten Anblick dar. Nackte Kinder, theils auf dem Rücken oder in den Armen ihrer Mütter, theils im Grase mit den zahlreichen Hunden den beständigen Gefährten der Indianer, spielend, vervollständigten das Bild.
Inmitten des Getümmels hielten sieben Rosse, jedes von einem Jüngling geführt. Eines davon, ein hoher Schimmel, kaum gezähmt, erregte allgemeine Bewunderung. Wer dieses Pferd ritt, mußte unfehlbar der beneidenswerthe Gewinner des herrlichsten Preises werden.
Ohne Sattel und Steigbügel, mit einem spanischen Gebiß im Maul, war das Roß augenscheinlich bestimmt, dem Willen eines unerbittlichen Reiters mit Gewalt unterworfen zu werden. Einem spanischen Stangengebiß fügt sich selbst das unbändigste Pferd.
Ein Gemurmel ging durch die Versammlung. Die Helden des Tages erschienen.
Kitsi kam zuerst, die Augen von seltsam überirdischer Gluth belebt, aus den Lippen einen Ausdruck von Geringschätzung, den zu verhehlen sie sich keine Mühe gab. Ihr ganzer Anzug bestand in einer Rundschürze. In der Hand trug sie einen Riemen, die landesübliche Reitpeitsche. An ihre nackten Füße festgeschnallt, klirrten Sporen.
Die reizende Gestalt der Jungfrau, ——- ihre Mutter war eine gefangene Mexicanerin — ihre tadellos geformten Glieder, ihre straffe und edle Haltung, waren der Gegenstand begeisterten Lobes in jedem Munde.
Die sechs Lepans maßen sich gegenseitig mit eifersüchtig besorgten Blicken. Jeder von ihnen brannte in Liebesglut, als ob er Kitsi schon seit Jahren kennte.
Kitsi trat zu den Pferden hin und schwang sich auf den hohen Schimmel.
Unwillig bäumte sich und schnaubte das edle Thier, als es die schöne Last auf seinem Rücken fühlte.
Nie hat sich die Macht des Geistes über wilde Kräfte schlagender offenbart. Die zarte Gestalt erschien fast zwerghaft klein auf dem gewaltigen Rosse; aber beide Sporen in die Flanken drückend und die Zügel mit der furchtbar scharfen Stange anziehend, bändigte die Jungfrau in wenigen Augenblicken das ungestüme Thier.
Halb zurückgewendet auf ihrem bemeisterten Roß rief die kecke Reiterin:
Hunde von Lepans, ihr habt die Krieger der Comanchen zu Weibern gemacht, nun sollt ihr dafür das Mädchen als einen Mann erproben.
Von dannen stob der behende Schimmel. Getroffen von den höhnischen Worten stiegen die Freier langsam zu Roß und harrten des Augenblickes, ihre Liebesjagd zu beginnen.
Die Beute schien dieses Augenblicken ohne Angst und Sorgen gewärtig. Gemächlich bewegte sie sich in kurzem Galopp dem Walde zu, in dessen Schatten ihr Eintritt das Zeichen zum Aufbruch der Verfolger geben sollte.
Sie Lepans sahen in gespannter Erwartung der Schönen nach. Hie und da überflog ein Lächeln der Erwartung ihre ernsten Züge.
Ruhig und kühn zog Kitsi dahin, als trüge sie ein wohlgezähmter Zelter. Das wilde Roß schien in der That vollkommen gezähmt; es hatte seine Meisterin erkannt.
Die Stelle, welche Kitsi sich zum Eintritt in den Forst erkoren, war durch eine schmale Öffnung kenntlich, von wo aus strahlenförmig mehrere Wege ins Dickicht führten. Je näher sie diesem Eingang zum Waldesdunkel kam, um so straffer zog sie die Zügel an, den Schritt des Rosses mäßigend, bis sie in der Entfernung von etwa fünfzig Klaftern vor dem Saum des Gehölzes plötzlich die Zügel schießen ließ.
Blitzschnell flog der Schimmel über den grünen Grund. Im Nu war er verschwunden. In demselben Augenblick stoben die Lepans von dannen, eifersüchtig bestrebt, sich gegenseitig den Vorsprung abzugewinnen.
Im Anbeginn blieb sich das Rennen gleich. Sie waren einer wie der andere vortrefflich beritten. Bevor sie jedoch den Wald erreichten, gewann einer von den sechs Freiern, Schwarzbär geheißen, entschieden den Vorteil und ließ die Nebenbuhler hinter sich.
Stolz und wohlgemuth bog Schwarzbär in das Waldesdunkel ein, freudiges Entzücken überflog seine jugendlichen Züge, als er von weitem zwischen den Stämmen vor sich raschen Hufschlag vernahm.
Seinen Renner zur äußersten Eile antreibend, erreichte er bald die Grassteppe, über welche unvermeidlich der Pfad zu dem ersehntem Canon de Uvaldi führte, bis wohin die Entfernung noch über zwanzig Meilen betrug.
Von Kitsi war weit und breit nichts zu erblicken. Das scharfe Gehör des Indianers vernahm auch nicht den leisesten Ton von fernem Hufschlag. Ringsum herrschte Todesstille. Schwarzbär setzte seine Jagd indessen fort, entschlossen, lieber sein Leben zu verlieren, als den kostbaren Preis fahren zu lassen . . .
Wenden wir uns zum Canon de Uvaldi. Die Gegend ist für den Verlauf unserer Erzählung von Belang und daher etwas genauer ins Auge zu fassen.
Die Hügelreihe, welche sich in einer Entfernung von etwa dreißig Meilen südwestlich vom Lagers der Comanchen hinzieht, ist in der Mitte von einem Thal quer durchschnitten, an dessen einer Seite ein klarer Bach sanften Laufes durch sein breites Kieselbett dahin rinnt, Zur rechten streben starre Wände empor, mit grünem Anflug gesprengelt, deren eichenbeschattete Zinnen finster auf den heitern Wasserspiegel herabblicken. Friedlich verliert sich der Fluß in die Ebene hinaus, wo er, durch zahlreiche Sandbänke verflacht, das Aussehen eines großen Stromes gewinnt. Aus den Wellen heben sich grüne Auen, dicht mit Baumwollstauden bestanden.
Durch die schmalen Klüfte und Risse der Felswände werden die Höhen dahinter sichtbar, auf denen Eichen ihre belaubten Kronen im Winde wiegen und säuselnd die ewige Stille der Einöde unterbrechen.
Auf des Gewässers anderer Seite begrenzt sich die wellenförmige Ebene durch einen sanft anstrebenden Hügel, in saftiges Grün gekleidet, aus welchem einzelne Gruppen von Steineichen emporragen. An seinem Fuße zieht sich durch das dichte Unterholz mit seinem Gestrüpp von Brombeeren und Hecken ein Pfad hin.
Der Weg durch diese verwilderte Einsamkeit war deutlich gezeichnet wie eine vielbetretene Straße, — ein Indianerpfad, der aus unvordenklichen Zeiten stammte.
Lange bevor die bleichen Gesichter über das große Wasser gesegelt, um mit Feuer und Schwert im Lande des rothen Mannes zu hausen, hatten kriegerische Streifparteien oder wandernde Stämme den Pfad ausgetreten. Vor Jahrhunderten schon hatten wohl die fröhlichen Stimmen junger Mädchen der Apachen, Lepans, Comanchen und Sioux den Widerhall dieses Thales geweckt, und die hellen Gewässer hatten manchen holdseligen Leib umspielt. Nicht minder hatte zweifelsohne Berg und Thal und Busch manche tapfere That gesehen, manches heiße Gebet zum Gott der Schlachten am Abend vor dem heißen Kampfe vernommen. In diesem Thale hatte manche unverzagte Seele den mannhaften Leib verlassen, um zu den ewig grünen Inseln der Seligen zu entfliegen wo die tapfern und guten Indianer ihre Jagdgründe finden, die ihnen kein Eroberer mehr raubt.
Ein Hauptreiz der Gegend bestand in ihren Gegensätzen. Hier starre Felsen, wilde Klippen, gähnende Klüfte, — dort die freundlich lächelnde Landschaft.
Feierliches Schweigen ruhte auf dem Gehege, kaum unterbrochen durch die Stimmen der Natur. Kein menschlicher Laut ließ sich vernehmen.
Doch horch, welch ein Ton unterbricht zur Mittagsstunde aus weiter Entfernung von der Ebene her die Stille?
Der Hufschlag ist es eines flüchtigen Renners, vielleicht auch mehr als eines Rosses.
Immer näher kommt es und näher, immer lauter dröhnt es und lauter.
Ein rother Reiter zeigt sich und betritt die Furth des seichten Flusses.
Schwarzbär ist es. Er gönnt seinem todesmatten Pferd nicht so viel Muße, um die schäumenden Lippen in das erfrischende Naß zu tauchen.
Wo aber weilt Kitsi, daß ihr Verfolger früher anlangt wie sie?
Am Eingang des Thales blickte der Lepans ist kummervoller Besorgniß umher.
Während des heißen scharfen Rittes hatte er von der Ersehnten keine Spur gesehen. Schon fürchtete er, ihr wider Renner habe sie wider ihren Willen abseits vom Ziele weggeführt. Er zog die Zügel an, um zu horchen. Vor sich vernahm er nichts, wohl aber hinter sich den Hufschlag seiner Genossen, die sich näherten.
Mit hoffnungsvollem Ausruf setzte er beide Fersen ein, um das Thal hinauf zu sprengen. Aber sein Renner erreichte reiterlos den Canon de Uvaldi. Der Krieger stürzte von einem Pfeil durchbohrt ins Gras.
In diesem Augenblicke tauchten zwei andere Reiter auf, die Flanke an Flanke sich vergeblich den Vorsprung streitig machten, ohne Ahnung von ihres Vormanns Los. Erst als das sichere Todesgeschoß einen von ihnen aus dein Sattel warf, nahm der andere des erlegten Schwarzbär wahr.
Bevor er die Zügel wenden konnte, saß auch ihm ein Pfeil in der Brust. Noch nicht todt, aber tödtlich verwundet fiel er in die Hecken und war sterbend ein Zeuge des Verlaufes der schauerlichen Begebenheit.
Die andern drei Freier wurden gleich den ersten gefällt. Die wohlgezielten Geschosse kamen vom Felsenhang über dem Bach.
Vier Lepans lagen todt, zwei so schwer verwundet, daß sie nicht zu entrinnen vermochten.
Abermals ward Hufschlag vernommen.
Ein Schimmel sprengte ins Wasser und eilte dem Canon de Uvaldi zu.
Kitsi ist es, hinter denen kommend, die ihr zu folgen sich eingebildet.
Als sie den Eingang des Thales erreichte, tauchte ein Mann auf der schmalen Felsenritze empor und schickte sich an, durchs Wasser zu waten.
Das Mädchen nahm seiner nicht wahr. Ihre Blicke hafteten auf den Erschlagenen, die als Wahrzeichen von ihres Liebsten Tapferkeit auf dem Boden lagen.
Nach den Begriffen der bleichen Gesichter war die tapfere That freilich ein feiger Meuchelmord und nichts daran bewundernswerth, als etwa die Fertigkeit des Schützen.
Was sieht meine Schwester, daß ihr Ehr sich der Stimme ihres Bruders verschließt? fragte der Mann, der durch das Wasser gekommen sie schon zum zweiten male anrief.
Ihre Augen sehen Blut, aber es ist das Blut ihrer Feinde. Wo ist der Junge Büffel, daß Kitsi das Loblied seiner Tapferkeit anstimme?
Mainwaring, der ungewöhnlich blaß anzuschauen war, führte Kitsi mit sanfter Gewalt von den Leichen weg und gab dann erst zur Antwort:
Jung Buffalo dürstet nach mehr Blut. Seine Nüstern wittern es von ferne. Er hat die Streitaxt ausgegraben und bringt seinem Volk die Botschaft.
Und laßt Kitsi allein? fragte das Mädchen in sichtlichem Erstaunen.
In vorwurfsvollem Tone versetzte Mainwaring:
Nicht doch. Er hat den Bruder zu ihr gesendet. Die beiden sollen im Thale des Todes seiner harren, bis die Sonne hinter den Bergen versunken. Bevor der Mond aufgegangen, wird Jung Buffalo seine Braut rufen.
An der Mündung einer Bergschlucht hinter dem Canon de Uvaldi befindet sich ein See von geringem Umfang, von tiefen Schatten umhegt. Über seinen Spiegel glitt ein Indianernachen, dessen Insassen schweigsam vor sich hinblickten, sei es, daß sie ihren eigenen Gedanken nachhingen, sei es, daß sie in ehrfurchtsvollem Erstaunen die Umgebung betrachteten, welche noch großartig und herrlich erschien, wiewohl Hagel und Regen in Strömen niederfielen.
Zur Rechten wie zur Linken des Ruderers zeigten sich wilde Matten, gesprenkelt mit Bäumen und mit Gruppen von myrtenartigem Gesträuch, das — vom Wind bewegt — balsamische Wohlgerüche aushauchte, in welche sich der Duft der wilden Stachelbeere mischte, — die zu jener Zeit das Gras mit buntem Blüthenschmuck durchwebte. Hart am Ufer hängten Bäume ihr Gezweig bis in die Wellen herab, die sie, vom Hauche der Luft bewegt peitschten. Hie und da zeigte sich ein Stück Wild, das im Schatten des Gebüsches seinen Durst löschte. Das mißthönende Gekreisch der Wasservögel, das Geheul der Eule und des Wolfes begleiteten das Plätschern des Regens, das Schlagen des Hagels auf dem Wasser und auf dem Laub, wie das unheimliche Sausen und Brausen des Windes.
Am Himmel schimmerte noch ein letzter Rest von Tageslicht, dessen bleicher Widerschein auf den bewegten Wellen zitterte; doch verschwand er vollends, als eben die Fluth stark und wirbelnd dem Fahrzeug entgegenwogte, und von weitem das Rauschen eines Wasserfalles sich deutlich machte. Der Nachen tanzte völlig auf den Wogen, dem Ruderer kaum mehr gehorchend.
Als das Getöse ganz in der Nähe vernehmbar brauste, öffneten sich die Wolken und der Wasserfall ward-sichtbar.
Der dumpfe Donner, das Fluthen der gepeitschten Wagen, das Klatschen und Plätschern auf dem Gestein, alles hatte schon die Nähe des Wasserfalles verkündet, als er endlich unverhüllt vor die Augen trat.
Der Sturm hatte sich für den Augenblick gelegt. Die Wolken zerstreuten sich. Allmälig traten die Sterne am Himmel hervor, in dem Maß, als er sich klärte. Den Hauch der hinsterbenden Brise würzten süße Düfte von den blühenden Gestaden, eine Labung für die ermatteten Wasserfahrer.
Die Gegend hatte ein anderes Aussehen gewonnen. An die Stelle der Matten und Bäume waren wilde Felswände getreten, von denen verschiedene Rinnsale niederplätscherten und einige starke Wasserfälle rauschten, bei denen Forellen und Salme spielten.
Moos und verkümmerte Fichten schmückten stellenweise das steinige Ufer.
Ein Indianerpfad zog sich unter dein Felsenhang hin, um sich am Fuße des großen Wasserfalles zwischen zerstreuten Felsblöcken zu verlieren.
Mächtige Felsen umhegten die Schlucht, durch welche der Bach dem See zueilte, um dann als friedfertiges Gewässer zum Canon de Uvaldi zu strömen. In ein enges Bett gebannt, bricht er sich wütend Bahn, bis er auf einen unerschütterlichen Felsen stößt, von welchem er in zwei Arme getheilt mehr als dreißig Klafter tief in den See hinabstürzt. Der Wasserstrahl zerstiebt im Fall zum Staub, welchen der Wind wie Wolken von dannen zu führen scheint; dennoch erreicht eine gewaltige Masse die Tiefe, wo sie donnernd aufschlägt und sich in silberne Sprühnebel hüllt.
Als der Nachen eben hundert Klaftern vor dem statt zum rechten Ufer hinglitt, trat eine neue Veränderung des Schauplatzes ein.
Ringsum war mit Ausnahme des unablässig tosenden Wasserfalles alles still geworden. Die letzten Wolken hatten die Berggruppen gänzlich verlassen, die Sterne funkelten in ungetrübter Klarheit am Himmel. Plötzlich faßte ein glänzender Saum die Spitzen der Felsen ein. Der Himmel kleidete sich in einförmiges Grau, während bei dem hellen Streifen ein mildes Licht aufdämmerte, das mit jedem Augenblick an Glanz gewann.
Der Glanz verkündete den Aufgang des Mondes, der alsbald in seiner vollen Herrlichkeit erschien. Der Saum von Licht, der anfangs nur die Höhen eingefaßt, wuchs zu einem Meere von Heiligkeit, das die gesammte Umgebung überfluthete und in tausendfach gebrochenem Strahl auf dem Wasser tanzte.
Das Schiffchen legte an, ward mit großer Sorgfalt verborgen und die Gestalten, welche darin über den See gefahren, machten sich zu Fuße auf den Weg, beladen mit zwei Kugelbüchsen und einigem Gepäck. Sie wandten sich zu einer engen Schlucht, links vom s großen Wasserfall, wo Immergrün verschiedener Art wucherte.
Durch das Gestrüpp dringend erreichten sie eine Höhle, an deren Eingang sie Halt machten.
Kitsi und Mainwaring befanden sich im Thal des Todes.
Ihren Weg hatten sie unter vorsichtigem Schweigen zurückgelegt, um nicht von den Reitern entdeckt zu werden, welche vor dem Mädchen und den Freiern sich zum Canon de Uvaldis aufgemacht.
Obschon am Ziele angelangt, bezeigte keins von ihnen Neigung, das Schweigen zu brachen.
Die Höhle war ein Lieblingsplatz Jung Buffalo’s. Indem sie weiter in das Innere derselben drangen, fanden sie einen reichlichen Vorrat trockenen Holzes. Bald loderte ein Feuer an einer Stelle, von wo es nach außen keinen verrätherischen Schimmer warf.
Sie Schüsse wurden aus den Büchsen gezogen, diese dann sorgfältig gereinigt, in Stand gesetzt und aufs neue geladen.
Ein einfaches Mahl von gedörrtem Hirschwildpret ward neben der wohlthätig wärmenden Flamme verzehrt.
Der Feuerschein beleuchtete zwei Gesichter von durchaus verschiedenem Ausdruck.
Kitsi schaute trübselig darein. Ihre Gedanken weilten fern. In ihrem Blick malte sich eine unbeschreibliche Bangigkeit, die vielleicht vom Argwohn herrührte. Ihr lauschendes Ohr harrte auf ein fernes Geräusch, das sich vergebens erwarten ließ.
Der weiße Mann zeigte die gewohnte Entschlossenheit, doch war seine Wange bleicher wie sonst und er kämpfte sichtlich mit trüben Sorgen. Entweder lastete ein schweres Geheimniß auf seiner Seele, oder die Ereignisse des Tages hatten ihn erschüttert.
Nach Beendigung des Mahles wünschte Mainwaring sich zur Ruhe zu begeben, und lehnte sich, etwas abseits vom Feuer sitzend, an das Gestein. Gleich darauf verfiel er in den festen Schlaf, wie ihn nur die Müdigkeit nach harten Mühen bringt. Seine Brauen, bisher finster niedergezogen, entwölken sieh, die krampfig zusammengepressten Lippen zeigten den ruhigsten Ausdruck, die aufgeblasenen Nüstern sanken ein. Ein wahrhaft erquicklicher Schlummer ohne Traum umfing die abgespannten Sinne.
Kitsi war wohl noch müder als Mainwaring. Sie hatte vom frühesten Morgen keinen Augenblick geruht. Dennoch kam kein Schlaf in ihre Augen. Ihren Gedanken nachhängend starrte sie in die Gluth. Wer sie so belauscht, die rothe Haut vom flackernden Schein beleuchtet, in den großen dunkeln Augen, auf den schönen Zügen einen Ausdruck von mißtrauischer Sorge, der hätte sie um so leichter für einen irren Geist genommen, als die Schlucht und die Höhle eine indianische Begräbnißstätte waren.
Plötzlich wendete sie das Gesicht dem Schläfer zu, um ihn mit argwöhnisch forschenden Blicken zu betrachten. Geräuschlos erhob sie sich, kniete bei ihm nieder und sah ihm mit angsterfüllter Aufmerksamkeit lange ins Gesicht. Vom Antlitz senkte sich der musternde Blick abwärts über die Gestalt.
Der Arm, der Körper waren mehrfach mit Blutflecken gesprengelt.
Ihr Blick haftete am Griff seines Waidmessers. Sie langte danach, zog es aus der Scheide und ließ den vollen Lichtschein auf die Klinge fallen.
Die Flecken, welche sie darauf sah, schienen ihr von Menschenblut herzurühren.
Kein Laut kam von Kitsi’s Lippen.
Düster und ernst ließ sie sich beim Feuer nieder, um abermals ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.
Ein Sturm tobte in ihrem Herzen. Entsetzliche Zweifel erfüllten ihre Seele. Auf ihren Wangen wechselten glühendes Roth und die Blässe des Todes. Die düstern Wolken auf ihrer Stirn aber erfuhren keinen Wandel.
Endlich gelangte sie zu einem festen Entschluß. Sie erhob sich, nahm Büchse, Waidtasche und Pulverbeutel, warf noch einen forschenden Blick auf den weißen Mann und verließ die Höhle.
Sie nahm ihren Weg durch die immergrünen Gebüsche am Rand des Wassers. Der Mond glänzte in voller Pracht auf dem blanken See und auf dem hellen Silberschaum des Wasserfalls. Kitsi beachtete weder den einen noch die andern. Ihr Dichten und Trachten ging den eigenen Weg. Sie suchte das Fahrzeug auf, worin sie gekommen und glitt eilfertig rudernd über die Wagen hin.
Der Weg« welchen sie zurückzumessen hatte, führte an einem Darf der Pawnees vorüber und jetzt hüllte sie kein Unwetter mehr in Dunkelheit wie zuvor. Der verrätherische Mondschein kannte ihr ernstliche Gefahren bereiten.
Ermüdet von des langen Tages schweren Mühen zog Kitsi ihr indianisches Wallenseegel am kleinen Mastbaum auf und trieb im Hauche des Nachtwindes dahin, der frisch über das Wasser wehte.
Die Wiesenthäler kamen in Sicht, wo die wilde Katze ihr Liebeslied miaute, der Wolf die liebe lange Nacht hindurch sein Geheul ausstieß und Murmelbäche plätschernd sich dem größeren Wasser zugesellten.
Der See verengte sich allgemach zum Fluß. Das Pawneedorf war nicht mehr fern. Kitsi fing an sich jeder Voraussicht zu befleißigen, die ihre Erziehung und der Umgang mit Jung Buffalo sie gelehrt. Das Segel einreffend und den Mast niederlegend, kauerte sie sich im Fahrzeug nieder und nahm die Büchse zur Hand, nicht ohne sich zu überzeugen, daß dieselbe sich in wehrhaftem Stand befinde.
Das Dorf der Pawnees lag auf einer schmalen Lichtung am südlichen Gestade des Platte; — so heißt der Bach, auf welchem Kitsi jetzt hinabfuhr.
Etwa 12 Schuh hoch über dem Wasserspiegel lagen ohne alle Ordnung verzettelt an die zweihundert Hütten von langem Wildgras, mit Stroh gedeckt über zeltartig eingerammten Pfälen. Eine höchst unvollkommene Verpfälung stellte die Ringmauer vor, allenfalls geeignet, den ersten Anlauf eines Feindes beim Überfall aufzuhalten.
Ins dem schilfbewachsenen Abhang lagen eine Menge von Nachen, geeignet zur Rettung vor Gefahr wie zur Verfolgung einer Beute.
Einige umzäunte Kornfelder zeigten an, daß ein Theil des Stammes nicht ganz dem umherschweifenden Leben ergeben war.
Das Dorf lag in vollständiger Ruhe, als Kitsi am entgegengesetzten Ufer im tiefen Schatten lautlos hinglitt.
Sie mochte ungefähr die Mitte des Dorfes erreicht haben, als ein Nachen von einer Baumgruppe her über das Wasser schoß, offenbar von behenden Ruderern getrieben.
Die erste Regung Kitsi’s war ebenfalls ihr Ruder mit Macht zu führen. Bald zeigte sich, wie die Verfolger ihr an Schnelligkeit so unverhältnißmäßig überlegen waren, daß an Heil in der Flucht nicht zu denken war. Ihre Brauen zusammenziehend, fühlte sie vor allem den mächtigen Trieb des Indianerblutes.
Die Verfolger hörten den Hahn knacken und stutzten einen Augenblick.
Der Augenblick ward verhängnißvoll.
Ein Blitz, ein Knall, ein dumpfer Schlag folgten alsbald dem bedrohlichen Geräusch.
Ein Indianer war verwundet. Nichtsdestoweniger drangen sie vorwärts, den Widerhall der Berge durch ihr widerliches Kriegsgeschrei aus dem Schlummer scheuchend. Sie hatten sich überzeugt, daß sie nur einen einzigen Gegner verfolgten.
Kitsi trieb einen Augenblick lang ihr Fahrzeug an, um dann, als es in raschen Gleiten gekommen, aufrecht stehend ihr Geschoß wieder zu laden.
Als sie damit fertig geworden, erreichte ihr Schiffchen ein überhängendes Gebüsch, wo sie von den Zweigen gestreift hinfuhr.
Die Verfolger waren kaum einen halben Flintenschuß weit mehr hinter ihr, und zogen jetzt schweigend aus Leibeskräften die Riemen an.
Kitsi hielt sich für verloren, doch verließ sie darum nicht der unerschrockene Muth. In dem jetzt nur langsam noch hingleitenden Fahrzeug kniete sie nieder, nahm die Verfolger scharf aufs Korn und drückte los.
Der Schuß versagte.
Die Pawnees stießen einen Freudenschrei aus und glaubten sich der Beute sicher.
Ein Blitz und die donnernde Stimme einer westländischen Kugelbüchse beehrten sie, daß die Verfolgte nicht ohne Beistand sei.
Her zum Ufer, Dirne! flüsterte eine heisere Stimme. So, mein Kind. Jetzt pfeffre mir die Powneeteufel, während ich lade.
Sich wenden und Feuer geben war für Kitsi das Werk eines Augenblickes, worauf sie ans Land sprang.
Das überraschte Mädchen stand alsbald Auge in Auge vor — Mainwaring.
Ein sauberer Tanz, wozu Du mich geladen, brummte er: eine brühheiße Suppe, welche Du Dir angerichtet. Welcher Satan hat Dich denn geritten?
Der Singvogel will seines Gespielen Stimme hören. Jung Buffalo hat die Felsenhöhen verlassen und Kitsi folgte seinem Lockruf.
Mainwarings Stirn verfinsterte sich, seine bleichen Wangen erglühten, seine Lippen bebten, als hielten sie ein rasches Wort gewaltsam zurück. Nach einigem Zaudern versetzte er:
Ist jetzt Muße, davon zu reden? Die Pawnees lechzen nach unserem Blut. Das bleiche Gesicht und das Indianermädchen spotten ihrer Verfolgung.
Mit diesen Worten warf er sich ins Dickicht. Unwillkürlich folgte ihm Kitsi.
Nach einer Weile blieb der weiße Mann stehen, neigte sich zum Boden und legte das Ohr an. Im Anfang vernahm er nichts, doch bald überzeugte er sich, daß die Verfolger auf der rechten Fährte jagten. Zähneknirschend ergriff er des Mädchens Hand und eilte weiter durch das Gebüsch bis zu einem kleinen Bach, welcher dem Hauptstrom zulief.
Kitsi sprang hinein und folgte dem Lauf des Wassers. Mainwaring aber ging erst zum entgegengesetzten Gestade, wo er rasch eine Spur trat, bevor er der Begleiterin nacheilte.
Sie hatten einige hundert Schritte gemacht, als ein Ausruf sie belehrte, daß die Verfolger die Stelle gefunden, wo sie das Wasser betreten.
Bald sahen beide im Mondschein die Wellen des Stromes erblinken.
Sie eilten dem Ausgange des Dickichts zu und der Stelle, wo Kitsi gelandet.
Das Mädchen stieß einen leisen laut der Überraschung und des Schreckens aus.
An Bäume gelehnt standen zwei Indianer, das Gesicht dem Walde zugekehrt.
Unfern von den beiden lagen die zwei Nachen am Ufer, worin die Verfolgte und ihre Verfolger gekommen.
Die Pawneewölfe haben uns den Weg zum voraus abgeschnitten, brummte Mainwaring.
Fast in demselben Athem fügte er hinzu:
Großer Gott, was sehe ich? Er eilte auf die beiden zu, die zwar zu den Waffen griffen, aber sonst keine feindselige Bewegung machten.
Kitsi erkannte zwei von ihren Lepan’schen Freiern, welche der Pfeil aus dem Hinterhalte niedergestreckt, aber — wie sich zeigte — nicht gethötet hatte.
Die Lepans geben auch nicht das mindeste Zeichen von Erstaunen. Der eine von ihnen, ein Häuptling, war noch in feiner ganzen Herrlichkeit der grellen Malerei anzuschauen, welche bei den Indianern die Epauletten und andere Auszeichnungen kriegerischen Ranges, Borten, Sterne und Orden vertritt.
Wenige Worte genügten, die Lage der Dinge klar zu machen und ein Bündniß zu Schutz und Trutz herbeizuführen.
Die vier sprangen in den Nachen der Pawnees nahmen Kitsi’s Fahrzeug ins Schlepptau und hatten die Höhe des Wassers gewonnen bevor die getäuschten Verfolger am Ufer i erschienen.
Kein Wort war gesprochen, jeder Nerv angestrengt worden, die Schiffchen außer Schußweite zu bringen.
Es war gelungen. Vergebens feuerten die Pawnee’s den Enteilenden nach.
Ein halbe Stunde lang waren die vier in tiefem Schweigen fortgerudert, als der Mond verschwand und die Finsterniß wieder in ihre Rechte trat.
Zu derselben Frist erreichten sie eine Au mitten im Fluß.
Sie sahen sich genöthigt, anzulegen. Der Vornehmere von den beiden Lepans, mit der Gegend wohlbekannt, führte die Begleiter in einen tiefen Einschnitt inmitten des Eilands.
Obschon es eigentlich nicht rathsam schien, ein Feuer anzuzünden, dessen Schein die Verfolger herbeilocken konnte, so bestand Mainwaring doch darauf, aus Rücksicht für Kitsi, welche in ihrer überaus leichten Tracht von der nächtlichen Kälte sichtlich litt. Die andern gaben nach und bald loderte die wärmende Flamme.
Mainwaring streckte sich zur Ruhe nieder. Kitsi folgte seinem Beispiel.
Die Jungfrau, bis zum äußersten erschöpft durch die andauernden Mühseligkeiten und die verschiedenartigen Aufregungen des Gemüthes, war im ganzen von einer dumpfen Angst beherrscht, deren Grund ihr nicht recht klar werden wollte. Sie fühlte sich von schweren Ahnungen tödtlich gepeinigt. Um in einer oder der andern Weise zur Klarheit zu kommen, hatte sie den Weg zum Zauberstein eingeschlagen.
Als das Feuer in lustig flackernder Lohe die nächsten Umgebungen erhellte, wohinter der Blick sich in das geheimnißvolle Düster des Dickichts verlor, zogen sich die Lepans zurück, um in einem benachbarten Busch zu verschwinden.
Ringsum herrschte ungestörte Ruhe. Kein Laut ließ sich vernehmen, als das knistern der Flamme und das Säuseln der Luft in den Wipfeln der Buchen.
Und dennoch wollte kein Schlummer die todesmatte Kitsi einwiegen.
Die Nacht verging. Im stillen Wald begannen die ersten Laute des erwachenden Lebens sich kundzugeben. Der Schuhu flatterte seiner dunkeln Zuflucht zu. Wilde Gänse und Enten erhoben sich aus dem Wasser und strichen von dannen. Das Schwarz der Finsterniß ging in Grau über.
Jetzt endlich fiel Kitsi in fieberischen Schlummer von kurzer Dauer.
Als sie nach etwa einer Stunde die Augen öffnete, sah sie Mainwaring mit der Zubereitung des Frühmales beschäftigt.
Von den zwei verwundeten Lepans war keiner zu sehen noch zu hören.
Kein Wort ward gesprochen. Der weiße Mann merkte, daß Kitsi zum Reden nicht aufgelegt war.
Nachdem sie hastig einige Bissen genossen, nahmen die beiden ihre Waffen und machten sich zu der Stelle auf, wo sie ans Land gestiegen.
Die Fahrzeuge waren verschwunden.
Die Indianerin stieß einen kaum vernehmbaren Laut des Erstaunens aus.
Die Lepans hatten zweifelsohne die Nachen von dannen geführt.
Mainwaring schien weder erstaunt noch betroffen. Er kauerte sich ins Gebüsch. Kitsi folgte dem Beispiel.
Eine kleine Weile verging, bevor sie etwas wahrnehmen, das sie über die Absichten ihrer Verbündeten beruhigte. Das kleinere Fahrzeug erschien mit den zwei Lepans, heftig von einem Nachen voll Pawnees verfolgt.
Die Fliehenden hielten auf das Eiland zu, entweder um ihren Freunden die Verfolger zum Schuß zu bringen, oder um einen Plan zu wirksamer Verteidigung aufzusuchen.
Kitsi und ihr Begleiter setzten das Erstere voraus und hielten sich schußfertig.
Bald hatte der kleine Rachen ans Pistolenschußweite sie erreicht. Die Lepans ließen die Riemen ruhen und stießen den Kriegsruf aus.
Die Pawnees kamen näher. Ein wohlgezieltes Feuer vom Gestade begrüßte sie in demselben Augenblick« als auch die Lepans losdrückten.
Die überraschten Feinde schrieen auf. Drei der Ihren lagen todt, einige andere verwundet. Unbekannt mit Zahl und Stärke ihrer Gegner, wie sie waren, hielten sie es für gerathen, sich zur Flucht zu wenden.
Die zwei Lepans waren von den wachsamen Feinden entdeckt worden, als sie ausgefahren, um sich vom Stand der Dinge zu unterrichten.
Kitsi, Mainwaring und ihre Verbündeten zögerten nicht, die Frist zu benutzen, welche des Feindes Bestürzung ihnen gönnte.
Allen vieren lag gleichmäßig daran, den Zauberstein baldmöglichst zu erreichen.
Die Sonne stand im Mittag, als die Flüchtlinge sich eine kurze Rast gönnten, um Speise und Trank zu sich zu nehmen. Kitsi wollte das Mal nicht theilen. Während die andern aßen, trat sie seitwärts ins Gebüsch.
Die erkorene Ruhestelle war eine dichtbewaldete Au, wo sie hinlänglich verborgen lagen, um die kurze Mahlzeit zu halten.
Als sie sich erhoben, um die Reise fortzusetzen, war Kitsi nirgends zu finden.
Vergebens durchsuchten die drei Männer jeden Strauch. Das Mädchen blieb unsichtbar.
Kein Zweifel, sie hatte sich der Begleitung entzogen, um den ermüdenden Weg allein fortzusetzen.
Mainwaring glaubte vor Grimm zu bersten. Seine Begleiter, ohnehin nicht redselig, begnügten sich mit einem mitleidigen Kopfschütteln.
Trübselig bestiegen die Männer den Nachen und stießen vom Gestade ab.
Es war Abend, doch hatte die Sonne noch nicht völlig ihr glänzendes Licht zur Rüste gebracht, als ein einsamer Wanderer am Fuße des Zaubersteins anlangte, der, hoch und düster am Himmel sich zeichnend, das Ziel schien, wohin sein Lauf sich gerichtet.
Des Wanderers zarte Gestalt schien fast zu schwach für die Wucht der Kugelbüchse , auf seiner Schulter und doch hielt die Last seine, — oder besser gesagte ihre Schritte nicht auf. Kitsi war es, die — an den Berg gelangt — nachdenklich stille stand.
Der Anblick ihres heimatlichen Dorfes erfüllte sie mit neuem Leben und frischen Muthes eilte sie bergan dem geheimnißvollen Gipfel zu.
Gespannten Ohres lauschte sie, um den eigenthümlichen Lärm zu vernehmen, welcher im Comanchenlager dem Anbruch der Nacht vorherzugehen pflegte, aber auch nicht ein Laut drang zu ihren scharfen Sinnen.
Sie hatte den Rand des Weihers erreicht und spähete von den drei Bäumen nach dem Wohnsitz ihrer Vorfahren hinab.
Das Dorf stand unversehrt auf der alten Stelle, aber verlassen von seinen Bewohnern.
Von Entsetzen ergriffen starrte das Mädchen der sich hin. Tiefe Seufzer entrangen sich der gepreßten Brust. An einen Baumstamm gelehnt brach sie in Thränen aus.
Sie gedachte der seligen Stunden, die sie am Ufer bei der dunkeln Fluth verlebt, der ausgetauschten Schwüre, der seligen Hoffnungen, mit denen es vielleicht für immer und ewig aus und vorbei war.
Daß ihr Liebster ermordet worden und zwar durch Mainwaring, war ihr bis zur vollsten Überzeugung klar. Sie hatte stets des weißen Mannes glühenden Blick gefürchtet. Wenn er mit ihr allein, hatte er seine Liebesglut für sie nicht verhehlt und nur in seines rothen Bruders Gegenwart sich Gewalt angethan. Seitdem scheute sie ihn. Seine Liebe schien groß, sein Gewissen nicht empfindlich. Er sprach von Ländern, wo die Männer für ihre Angebeteten fochten und stürben, und unbedenklich für ihre Liebe Wohlstand und Ehre in die Schanze schlugen.
Er kam aus solchem Land und hatte den tapfern Comanchen meuchlings erschlagen!
Den Mord zu rächen und dann zu sterben, das war alles, was die Indianerin vom großen Geist erflehte. Im Innersten ihrer Seele stand dazu der Entschluß fest. Bei alledem war Kitsi zu gerecht, den Mann, welcher ihr das Liebste auf der Welt geraubt, mit ihrer eigenen kleinen Hand zu erschlagen, bevor sie sich den Jung Buffalos Tode überzeugt. Aus diesem Grunde war sie mit solcher Anstrengung den Wigwams ihres Volkes zugeeilt.
Ihr Volk war gegangen. Wohin? Das zu erspähen schien vor Anbruch des nächsten Tages unmöglich.
Indem Kitsi diese Umstände erwog, bemerkte sie, daß es unfreundlich kalt auf der Höhe war. Sie beschloß, an der andern Seite des Zaubersteines hinabzusteigen als sie sich dazu anschickte, wie es eben vollends dunkel geworden, traf ihr Auge ein Lichtschimmer, der aus einem kleinen Dickicht drang,
Jedes Geräusch vermeidend, schlich sie langsam bis zum Saum des Gebüsches.
Lauschend stand sie dort still.
Kein Laut war zu vernehmen, aber hell brannte das Feuer, kaum zwölf Klafter von ihr entfernt. Um jeden Preis mußte sie zu erfahren suchen, warum das Feuer im verlassenen Thale brannte.
Vorsichtig kroch sie auf dem Boden gegen die brennenden Scheiter hin.
Das Feuer, obschon lustig flatternd, war nicht groß. Es befand sich inmitten niederer Hecken. Ein gefällter Stamm lag zwischen der Lauscherin und der verdächtigen Stelle.
Die Büchse in der Hand erreichte Kitsi den gefüllten Baumstamm.
So unerschrockenen Herzens sie auch war, ein Schauer überlief sie, als sie die Atemzüge einer größeren Anzahl von Schläfern beim Feuer vernahm. Indessen dachte sie nicht daran zu fliehen, sondern hob sich allmälig empor, bis sie die Aussicht über den Stamm gewann.
Mehr als zwanzig Indianer lagen in tiefem Schlaf, ermüdet, wie es schien, von irgend welcher besondern Mühseligkeit. Es hatte das Aussehen, als könnte ein Feind sie allesammt der Reihe nach umbringen und skalpieren, ohne von einem erwachenden in seiner liebreichen Beschäftigung gestört zu werden. Kitsi mochte selbst eine solche Anwandlung fühlen; wenigstens legte sich ihre Hand an den Griff des Waidmessers.
Plötzlich ward hinter, ihr ein Geräusch laut. Ein Mann, der aus einem Busche geschlüpft, trat ruhig mit kaum vernehmbaren Schritten auf sie zu.
Meine Schwester ist ausgezeichnet muthig, sagte der junge und hübsche Indianer nicht ohne einen Anflug von Spott ; will sie etwa gar die Lepans erschlagen?
Kitsi ist blind. Ihr Auge sieht nicht des Feindes Angesicht. Aber sie hört einen Fuchs im Walde heulen, versetzte das Mädchen kalt und gemessen.
Meine Schwester ist bestürzt und ihre Worte klingen dunkel.
Vor einem halben Mond war Kitsi ein glückliches Mädchen, wenn die Sonne hinter die Hügel sank. Ihr Lachen erklang im Walde, denn Jung Buffalo war zugegen. Meine Lepanenbrüder kamen, sie wünschten Freundschaft zu schließen mit meinem Volk; sechs Lepans machten den tödtlichen Ritt, um Kitsi zu ihren Wigwams heimzuführen. Der Bogen Jung Buffalos war furchtbar. Alle sechs fielen durch ihn und er ward groß in den Augen seines Volkes. Da kam eine Schlange durch das Gras, ein Heilkünstler von den Weißen. Er sah Kitsi geliebt und wollte sie für sein Wigwam stehlen. Seine Hand erschlug den jungen Satschem der Comanchen, den Numolk Harica des Stammes. Ma-kov-je, ich bin betrübt. Ich habe gesprochen.
Hat meine Schwester gesehen, wie das bleiche Gesicht den jungen Watasch [Büffel] erschlug?
Megedosch, nein! Es geschah im Verborgenheit. Aber Maho penata [der große Geist] sieht alles.
Der junge Indianer schwieg eine Weile, um dann in demselben flüsternden Ton, worin die Unterredung bisher geführt worden, fortzufahren:
Meine Schwester trauert uni den jungen Büffel. Das Herz ist ihr schwer. Nur des weihen Mannes Blut vermag sie zu trösten.
Kitsi neigte das Haupt.
Und wenn die Blume der Comanchen gerächt ist, steht ein Lepan-Wigwam bereit. Will Kitsi es beglücken?
Der junge Krieger, welcher die Jungfrau nicht zum erstenmale sah, betrachtete sie scharfen Blickes.
Das Mädchen erbebte am ganzen Leibe. Krampfhaft umklammerten ihre Hände den Büchsenlauf. Sie gab zur Antwort:
Kitsi will den Kriegspfad gegen den Mörder ihres Bruders betreten. Wenn die Axt vergraben ist und sie lebt noch, wird sie zum Wigwam des jungen Lepans gehen.
Kitsi folgte einem sehr natürlichen Antrieb, als sie den Beistand ihrer Feinde zur Rache am Mörder ihres Liebsten in Anspruch nahm. Nachdem sie als Gefangene in die Hände der Lepans gerathen, konnte sie leicht berechnen, daß sie — einmal den dannen geführt — keine Gelegenheit mehr haben würde, den Mörder zu treffen. Sie zog dabei ihren Vorteil aus der unverhehlten Bewunderung des jungen Mannes, welche nebst dem gemeinsamen Haß aller Indianer gegen die Weißen ihn zu einem brauchbaren Bundesgenossen machte.
Mit der Liebesverheißung war es ihr nicht Ernst; sie hatte darum mit gutem Vorbedacht gesagt, sie wolle des Lepans Braut werden, wenn sie den Friedensschluß erlebe, — den nicht zu überleben sie fest entschlossen war.
Nach vollzogener Rache wollte sie sich selbst den Tod geben.
Der junge Kriege reichte der Ermüdeten eine warme Büffelhaut, wohinein gewickelt sie sich niederstreckte. Die Natur heischte gebieterisch ihre Rechte. Kitsi verfiel in tiefen Schlummer.
Am Morgen, nachdem Kitsi und ihr neuer Freier sich zu Mainwarings Verderben verschworen, verzehrte dieser in aller Behaglichkeit nicht gar zu weit vom feindlichen Lager sein Frühmahl.
Ein tiefer aber schmaler Einschnitt, — das Bett eines Wildbaches in nassem Wetter, — in der Hügelkette unfern des Zaubersteines, war in der Höhe von sieben oder acht Fuß von gestürzten Fichten überbrückt. Zehn Schritte weiter fielen seine Böschungen senkrecht I ab und so gings meilenweit fort. Der Boden war rauh und steinig. Der Wald war siebzig bis achtzig Schritte entfernt. Ein sicherer Platz ließ sich nicht finden ; niemand konnte nahe kommen, ohne einen offenen Raum zu überschreiten.
In dieser Rinne lag Mainwaring verborgen. Zu seinen Füßen kauerte ein junger Hund, den er sich aus den wilden Rüben des Lagers ausgewählt. Auf seinen Knieen ruhte eine Kugelbüchse; eine zweite lehnte am Gestein.
Einige Scheiben Wildprett und eine handvoll Mais bildeten die Kost; das nicht sehr klare Wasser aus den übrig gebliebenen Tümpeln des Wildbaches lieferte den Trunk.
Der weiße Mann war offenbar verstimmt. Schwere Sorgen belasteten sein Herz und umwölkten seine Stirn. Vergebens mühte er sich ab, seiner düstern Laune Meister zu werden. Zwar ließ er sich die Mahlzeit schmecken, doch war das Essen eine unwillkürliche Verrichtung für ihn, die ihm kein Vergnügen gewährte.
Während Mainwaring dieser Beschäftigung oblag, wurde die Einsamkeit unterbrechen. Durch die Büsche am Waldessaum drängten sich Indianer, bedeckt mit der kriegerischen Schminke. Vorsichtig auf den freien Platz heraustretend, folgten sie, wie alsbald klar wurde, einer Pfadspur, welche zum Schlupfwinkel des weißen Mannes leitete.
An ihrer Spitze ging ein Weig, das ihnen den Weg zu zeigen schien.
In der Hand trug sie eine gezogene Büchse, die sie krampfhaft festgepackt hielt.
Huh! rief ein riesiger Krieger, eine kennbare Fußspur betretend, die zum Rinnsal hinführte.
In demselben Augenblick stürzte er Knall und Fall zusammen. Die weltliche Kugelbüchse hatte Donner und Blitz entsendet. Die Indianer sprangen ins Gehölz zurück.
Mainwaring handelte mit der Entschlossenheit, die er unter keinen Umständen verleugnete.
Er hatte die Lepans unter Kitsi’s Führung kaum wahrgenommen, als ihm auch alsbald klar ward, daß sie ihn zu fangen ausgezogen. An Flucht war nicht zu denken. Er hatte keine Aussicht als den Tod, aber er war entschlossen, sich wie ein Mann zu wehren und sein Leben möglichst theuer zu verkaufen.
Nachdem die Indianer einen der Ihren so unversehens eingebüßt, stand zu erwarten, daß sie jede Vorsicht verachtend sich auf den Widersacher stürzen würden, um den Tod des Genossen zu rächen. Diese Erwartung sah sich getäuscht.
Von allen Ecken und Enden des Waldes her knallten Schüsse, welche Mainwaring nöthigten, sich hinter den umgestürzten Stämmen und aufgehäuften Steinen zu halten.
Gleich knallten ein Dutzend Schüsse, wenn nur ein Zipfel seiner Pelzkappe über die Brustwehr sich erhob.
Mainwaring legte endlich einen dicken Dornbusch auf die Steine, von wo er ungesehen nach den Feinden ausspähn und auf sie feuern konnte.
Der Belagerte hatte bisher immer nur einen Schuß gethan und den andern für dringende Fälle in Bereitschaft gehalten, die nicht ausbleiben konnten.
Die Hauptmacht der Angreifer stand beim Waldessaum auf einer erhöhten Stelle, ungefähr fünfundzwanzig Klaftern weit von der Verrammlung des weißen Mannes. Von dort kamen die meisten Schüsse und dorthin richtete Mainwaring vorzugsweise sein Feuer, um eine von den dunkeln Gestalten zu treffen, die er durch die Hecken huschen sah.
Nach einer Weile verstummte allmälig das Feuer von beiden Seiten.
Aufmerksam spähte der Belagerte umher, eines neuen Angriffes gewärtig, dessen Art und Weise zu errathen ihm nicht möglich war.
Ein Weilchen blieb es still, wie am ersten Tage der Schöpfung. Ein so unbedingt tiefes Schweigen herrscht wohl selten im Urwalde; jetzt aber hatte der kriegerische Lärm die befiederten Sänger und Schreier der grünen Einöde weit von dannen gescheucht, ebenso wie das schweigsame Wild.
Plötzlich trachte eine volle Lage von Schüssen gegen Mainwarings Zuflucht los.
Er gab Antwort.
Die Indianer hatten sich längst überzeugt, daß sie nur gegen einen einzigen Gegner fochten und da er nun seinen Schuß hergegeben, wollten sie ihm keine Zeit zum Laden gönnen, sondern stürzten unter furchtbarem Geschrei mit hochgeschwungenen Tomahawks aus dem Dickicht hervor.
Aus dem Versteck des weißen Mannes krachte ein Schuß, ein anderer von felsiger Höhe über dem Versteck.
Zwei tapfere Lepans stürzten tödtlich getroffen auf den Boden hin.
Die Angreifer prallten so schnell zurück, wie sie hervorgebrochen. Abermals herrschte Todesstille im Wald.
Walter beeilte sich, seine Geschosse wieder zu laden, die allein noch sein Dasein ein wenig zu fristen im Stande schienen und dann erst spähte er nach dem unbekannten Helfer aus, der als Freund in der Noth sich so zu rechter Zeit eingestellt.
Kein Laut ließ sich hernehmen, kein noch so geringfügiges Zeichen entdecken.
Mainwaring neigte das Haupt und seufzte schwer. Sein Pulverhorn enthielt nur noch zwei Landungen.
Die Lepans begannen wiederum ein wohlgenährtes Heckenfeuer.
Nach einer Weile sah der weiße Mann am steilen Abhang zur linken Seite seiner Stellung einen Indianer auf Händen und Füßen hinkriechen.
Mainwaring fuhr zur Wange und ließ krachen.
Ein Feind war schwer getroffen, doch dem Schützen blieb nur noch eine Ladung im Rückhalt.
Ein kollernder Stein lenkte Mainwarings Aufmerksamkeit nach dem gegenüberliegenden Abhang. Er sah einen Indianer, der bis zur Böschung abwärts kletterte, wo die senkrechte Felswand jedes weitere Vordringen hemmte.
Der Weiße stieß unwillkürlich einen Laut freudiger Überraschung aus und fuhr in die Höhe.
Die Unvorsichtigkeit mußte er theuer bezahlen, wie es wenigstens schien. Von einer vollen Lage begrüßt, stürzte er nieder. Offenbar mußte er getroffen sein.
Die Lepans schickten sich an, auf die gefällte Beute loszustürzen. Aber die Büchse auf der Felsenhöhe hielt sie in ehrfurchtsvoller Entfernung.
Aufs neue hielten sie Rath.
Kitsi, glühend vor Begierde nach voller Sättigung ihrer Rache, trieb zum Angriff. Aber obschon die Krieger der muthigen Jungfrau eine Stellung eingeräumt, wie ein Indianerweib sie wohl selten eingenommen, so spürte doch keiner von ihnen besondere Neigung, durch einen abermaligen Anlauf die Kugel herauszufordern, die — wenn sie auch nur einen traf — doch jeden von ihnen zu diesem Einen machen konnte.
Gebeugten Hauptes trat Kitsi zurück und verlor sich trübselig ins Gehölz.
Ihren Kummer achtend ließen die Lepans sie ungestört von dannen gehen.
Im nächsten Augenblicke trat sie auf die Blöße hinaus und eilte mit einer Hast, die jeglicher Verfolgung spottete, über die grüne Fläche hin.
Mit neugierigem Erstaunen sahen die Indianer ihrem unerhörten Beginnen zu.
Unbekümmert um die Gefahr, die ihre Bundesgenossen so begreiflicher Weise abgeschreckt, eilte sie der Schlucht zu, kletterte, die Büchse auf der Schulter, ohne Zaudern empor und erreichte in kürzester Frist das Versteck des weißen Mannes.
Mit gespanntester Aufmerksamkeit harrten die Lepans der weiteren Entwicklung.
Sie erwarteten einen Zweikampf zwischen Kitsi und ihrem Gegner zu sehen, doch statt dessen verlor sie sich unangefochten hinter die Verrammlung.
Die Indianer hielten sich lauschend still. Bald vernahmen sie etwas wie einen Schrei der erstickt worden, bevor er nur recht zum Ausbruch gekommen.
Der Krieger, welcher Kitsi’s erklärter Freier war, zauderte nicht länger. Von seinen Freunden gefolgt, stürmte er voran und hatte bald die Schlucht erreicht.
Die Asche eines Feuers und die Überreste eines kargen Mahles waren alles, was die Lepans fanden. Von Kitsi war so wenig zu sehen als vom weißen Mann . . .
Als Kitsi über die Waldblöße lief, legte sich Mainwaring so gutes ging in den Hinterhalt und als sie das Versteck betrat, überfiel er sie mit solchem Erfolg, daß sie in wenigen Augenblicken in seiner Gewalt war. Er knebelte sie ohne ein Wort zu verlieren. Sein grimmig ernstes Wesen flößte dem Mädchen fast noch mehr Entsetzen ein, als sein rauhes Handeln.
Der Indianer auf der Höhe ließ eine Wurfschlinge herab, offenbar die Absichten seines weißen Bruders in allen Einzelheiten verstehend. Der Lasso ward um Kitsi’s Mitte gelegt und sie hurtig daran hinaufgezogen.
In dem Augenblick, als sie den Boden unter den Füßen verlor, stieß sie den Schrei aus, dessen oben Erwähnung geschah.
Nochmals rollte die Wurfschlinge abwärts und half dem Weißen denselben Weg zurücklegen, auf welchem das rothe Mädchen so ohne Umstände befördert worden war.
Als Kitsi nach der unfreiwilligen Luftfahrt die Höhe erreicht hatte, befand sie sich auf einer schmalen Felsenplatte bei den zwei grimmigen Lepans, mit welchem sie Morgens zuvor die Pawnees bekämpft und die sie zur Mittagszeit an selbigem Tage auf der kleinen Insel verlassen hatte.
Die beiden Herren waren in der hellen scheußlichen Pracht des indianischen Kriegerthums bemalt.
Beide sprachen ihrer gewohnten Weise nach abermals kein Wort.
Sobald der weiße Mann zur Höhe gelangt, wurden Kitsi’s Bande gelöst.
Dann gings in stiller Eile vorwärts auf schmalem Pfade, der zur Höhe führte.
Auf einem Hügel mit der Aussicht nach dem Zauberstein ward Halt gemacht. Mainwaring und seine rothen Gesellen hatten geheime Zwiesprach gepflogen, aber — wie es schien — sich nicht verständigt. Gegenstand der Unterhaltung war wohl das Mädchen ; wenigstens deuteten darauf ihre lebhaftesten Gebärden hin. Endlich erfolgte das Einvernehmen. Alle drei gesellten sich wiederum zu Kitsi. Man stieg bergab und suchte die Zuflucht des Waldes auf.
Die Rothen gingen ein Stück voran. Der weiße Mann legte vertraulich die Hand auf der Dirne Schulter, hielt sie trotz ihres Sträubens fest und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr.
Ihr Auge blitzte leuchtend auf. Zu Mainwaring gekehrt, wollte sie etwas sagen.
Strengen und kalten Wesens schnitt er die Unterhaltung ab, bevor sie begonnen.
Vollführe Deine Aufgabe, Mädchen, wie ich die meine, sagte er. Sprechen wir ein andermal. Du hast wie ein Krieger gehandelt, — sei nun einer.
Kitsi gab keine Antwort. Sie ließ das Haupt nach rückwärts sinken, sah eine Weile scharf nach den zwei Lepans hin und vertiefte sich dann in dumpfes Hinbrüten.
Am Saum des Waldes standen zwei Rosse. Die Indianer banden sie los, schwangen sich auf und trabten davon. Weder Mainwaring noch Kitsi schienen den Vorgang zu beachten. Schweigend wie zuvor setzten sie ihren Weg fort.
Eine kleine Erhöhung mitten im Walde, dicht mit Bäumen bestanden, schien ein vortreffliches Versteck darzubieten.
Ein Feuer ward angezündet, so klein und mit solcher Vorsicht, daß in der Höhe kein Rauch aus größerer Entfernung wahrzunehmen sein konnte.
Ein kleines Mahl ward eingenommen.
Kitsi genoß wenig, aber mit sichtlichem Behagen. Ihr Todfeind mußte ihr wohl etwas gesagt haben, das sie versöhnt hatte. Was er jetzt sprach, schien ihr überaus zu gefallen; sie lachte mit dem ganzen Gesicht, wenn auch , kein Ton des Gelächters über ihre Lippen kam.
Mach vollendeter Mahlzeit schmunzelte Mainwaring noch einmal mit vertraulichem Kopfnicken, lehnte sich zurück und schloß die Augen wie einer, der schlafen will.
Kitsi erhob sich, ging zum nächsten Busch, brach einen Arm voll belaubter Zweige ab, und nachdem sie das Feuer noch mit einem Haufen von dürrem Reisig belebt, warf sie das grüne Holz darüber.
Bald entwickelte sich, wie sie vorhergesehen, ein dicker Qualm.
Höchlich vergnügt über den Erfolg ihres Mittelchen stellte sich Kitsi aufrecht zum Feuer hin und lehnte sich auf ihre Büchse.
Mainwaring rührte sich nicht. Augenscheinlich lag er in arglosem Schlummer.
So vergingen zehn Minuten, eine Viertelstunde und abermals eine.
Kein Laut war zu vernehmen.
Gespannten Ohres lauschte das Mädchen. Nicht das leiseste Geräusch wäre ihrer Aufmerksamkeit entgangen.
Endlich raschelte und rauschte und brach es durchs Gezweig. Ihr Kunststück war gelungen, der Rauch hatte seine Botschaft ausgerichtet.
Bald umstand eine Schaar von Lepans das Feuer, angeführt von Kitsi’s neuem Bräutigam, der voll Bewunderung seiner Liebsten Klugheit pries.
Plötzlich aus dem Schlummer geschreckt, warf Mainwaring einen ausdrucksvollen Blick auf das Feuer, wie um zu zeigen, daß er den Zusammenhang ohne Mühe errathe. Dach sprach er kein Wart, sondern ließ sich geduldig binden.
Er warf dem Mädchen einen bedeutsamen Blick zu, der — weil er fast wie Beifall aussah — von den Lepans als Spott ausgelegt ward.
Nachdem die Lepans sich ihres Gefangenen versichert, gings fort. Zwei jung Männer bildeten die Vorhut und untersuchten sorgfältig jede Stelle, wo etwa ein Hinterhalt hätte lauern können.
Aufrechten Ganges schritt Mainwaring stolz inmitten seiner Feinde einher, ohne sie nur eines Blickes zu würdigen.
Allmälig ward der Wald lichter und die stillen Wanderer erreichten den Saum.
Die Vorhut näherte sich der Vertiefung, wo die Pferde verborgen standen.
Ein warnender Zuruf lockte den Haufen nach einer Stelle, von wo sie — kaum zwanzig Schritte von der Grassteppe entfernt — einen Anblick genossen, der ihrer Aufmerksamkeit im höchsten Grade würdig schien.
Ein Zug von Reitern bewegte sich über das Grasland. Fünfzig Krieger in vollem Waffenschmuck mit langen Spießen, breiten Schildern, Bogen und Pfeilen auf reich geschirrten Rossen, — die erlesensten Streiter der Comanchen, ritten in guter Ordnung einher als Vorhut des Volkes, das nach seiner Heimat beim Zauberstein zurückkehrte.
Hinter den Kriegern zeigten sich Weiber und Kinder auf ihren frommen Pferden nach Landesart. Die Zeltpfäle nämlich, junge Fichten vom Gebirge, waren, in zwei Bündel getheilt, rückwärts an die Pferde befestigt, so daß ihre Enden auf dem Boden nachschleiften. Ein kurzes Holz, an die Pfalbündel mit Riemen befestigt, bildete mit diesen eine Art den Sitz. Die Zeltdecke von Büffelfell, zusammengerollt, war über den Pfeilen festgemacht, und so eine Schleife gebildet, welche nebst dem Hausrath Weiber und Kinder trug. Dabei saßen auch noch ein bis zwei Weiber oder Mädchen auf dem Rücken des Rößleins, das kaum im Stande war; die übermäßige Bürde zu schleppen.
Einige Weiber gingen zu Fuße einher, im Verhältnis nicht minder schwer belastet wie die Pferde mit Gepäck, Kindern und Säuglingen.
Dasselbe Los theilten viele Hunde, die geduldig mit schwerem Gepäck einhertrabten, während ihre glücklicheren Genossen in ungezähltem Schwarm heulend und bellend sich umhertummelten.
Beide Flanken des langen Zuges behüteten wohlbewehrte Krieger, die jede verdächtige Stellung scharf ins Auge faßten.
Die Nachhut bildeten, vom Vortrab an drei Meilen entfernt, etliche hundert erlesene Jünglinge.
Was Mainwaring und Kitsi bei diesem Anblick dachten und fühlten, war durch kein äußeres Zeichen zu erkennen. Um so deutlicher zeigten sich die Gedanken der Lepans. Jeder von ihnen wünschte an der Spitze einer muthigen Schaar, sich wie aus einer Gewitterwolke gehagelt auf den Zug der Feinde zu stürzen.
Doch was halfen die eitlen Wünsche?
Die Lepans schickten sich an, ihre Blicke von einem Gegenstande zu wenden, der so hoffnungslos ihre heftigsten Begierden erregte, als urplötzlich knatterndes Gewehrfeuer; wildes Getümmel und lautes Geschrei sie belehrtem daß ein Angriff erfolgt sei.
Die Nachhut war den einer Lepanenschaar angefallen worden.
Die wehrlosen Weiber und Kinder drängten sich so eng zusammen, als es die Örtlichkeit gestatten. Die Mannschaft ordnete sich theils zum Widerstand gegen den Feind, theils zur Hut ihres lebendigen Eigenthums, ihrer Weiber, Kinder und — wir dürfen schon sagen: der andern — Sklaven.
Einer solchen Versuchung konnten die Hüter der Gefangenen nicht widerstehen. Sie ließen zwei der Ihren als Wache zurück, die übrigen bestiegen ihre wilden Rosse und sprengten durch das rauhe steile Bett eines Wildbaches hinab, um auf dem gefahrvollen Wege den Comanchen in die Flanke zu fallen.
Die kleine Verstärkung half den Angreifern nicht viel. Die Lepans, zu gering an Zahl, wurden zurückgeworfen und mußten die Flucht ergreifen, um nicht umzingelt und von der Übermacht erdrückt zu werden.
Die Fliehenden blieben unverfolgt, weil die Comanchen ihre wehrlosen Schutzbefohlenen nicht verlassen konnten.
Bald darauf befand sich Mainwaring zu Pferde inmitten eines Haufens von zweihundert Lepans, die ob ihrer Niederlage Gift und Galle spieen. Er verrieth in keinerlei Weise seine Empfindungen. Der ruhige Ernst seines Ausdruckes erfuhr nur dann eine Veränderung, wenn Kitsi’s Freier sich ihr näherte, um eines von den zärtlichen Worten zu sprechen, womit ein Indianer seine Liebe und Verehrung ausdrückt.
Beide Gefühle waren im Lepan lebendig, daran war nicht zu zweifeln, dennoch schaute Mainwaring spöttisch genug drein, doch freilich nur in so flüchtiger Weise, daß die Regung stets vorübergegangen war, bevor sie nur recht zum Vorschein gekommen.
Vier bis fünfhundert Hütten, im Halbkreis geordnet und nahe aneinander gerückt, bildeten das Lager der Lepans, das umgeben von einer Verpfählung so ziemlich jedem andern Indianerdorf gleichsah.
Der Lauf unserer Erzählung führt uns in das Innere einer der Hütten.
Ein Gezelt war es den nicht gewöhnlichem Aussehen ; es hatte nicht das Rindendach und die Fichtenwände, wohindurch Sonne und Mond zu scheinen pflegen, wie man sie eben in ständigen Ansiedlungen findet, insofern die Bezeichnung »ständig« überhaupt sich auf ein Indianerlager anwenden läßt. Das Dorf sollte nur zu zeitweilig kurzem Aufenthalte dienen. Drum sah man keine Bärenpelze, keine Rothwildhäute, keine bunten Rindenmatten, wie sie in der Lepans eigentlicher Heimath zu finden waren. Der Rauch suchte nicht den Weg durch ein Dach mit eichenen Sparren, eingedeckt mit braunem Schierling; die Wahrzeichen waidmännischer Siege, wie Bärenbranke, Wolfsgebisse, Pantherfelle und Adlerfänge waren nur in geringer Zahl vorhanden, gleichwie die Kopfhäute erlegter Feinde fehlten.
Kaum eines von den bezeichnendsten Wahrzeichen des kriegerischwilden Indianerlebens trat hervor.
Unter schneeweißem Büffelfell, aufgeputzt mit den Borsten des Stachelschweines und mit aller Kunst, welche dem Stamme zu Gebote stand, saß eine junge Mutter, ihr erstes Kind stillend, von der ganzen Zärtlichkeit beseelt, welche diesen Zeitraum des weiblichen Daseins bezeichnet.
In dem wilden Aufenthalt, wo die Luft schon Raub und Krieg athmete, wo Blut an jeden Mannes Hand klebte, wo heiße Leidenschaft in jeden Mannes Herzen loderte, da fand, ein milder Himmelsfunke, ein Strahl vom Regenbogen der Versöhnung, die Mutterliebe noch eine Freistatt.
Die jugendliche Mutter schien fast zu jung für ihren heiligen Beruf. Sie war selber noch ein halbes Kind. Aber der Himmel gibt ja mit der Last gewöhnlich auch die Kraft, sie zu tragen, und sei die Mutter jung oder alt, die Liebe verleiht ihr Einsicht und Kraft zur Erfüllung ihrer süßen Pflichten.
Die Indianerin, oder besser gesagt: die Halb-Indianerin, denn Iowa war von väterlicher Seite eine Engländerin, saß auf einem Haufen von Wilddecken, das Kind an der Brust.
Ein Knäblein wars, sechs Monden alt, frisch und gesund, wie der Fisch im Wasser. Seine kleine Hand ruhte aus dem mütterlichen Busen, seine halbgeschlossenen Augen blickten auf die Züge, die zur Zeit noch für das Kind den Inbegriff der Welt vorstellten.
Mit dem Ausdruck von Zärtlichkeit und Mitleid, wie nur das Mutterherz sie zumal empfindet, lächelte Iowa auf den Knaben nieder.
Die Augen des Kleinen öffneten sich groß und klar. Munter lachte er die Mutter an, die in wahrhaft kindischem Vergnügen mit ihrem Püppchen zu spielen begann. Sie schwatzte und plapperte mit dem dicken Jungen, als ob er sie verstünde, sie tänzelte mit ihm umher und trieb tausend Possen.
Die beglückte Mutter ließ sich in ihrer unschuldigen Kurzweil durch keinen der trüben Gedanken stören, welche doch so nahe lagen; es bedarf ja nur eines Hauches, um eines Kindes zartes Dasein zu bedrohen und die höchste Mutterlust in das tiefste Elend zu verkehren.
Iowa hatte recht, sich der glücklichen Gegenwart unbedingt hinzugeben, ihr liebes Kind am Herzen und im Herzen des Kindes tapfern Vater.
Plötzlich belebte sich die stille Umgebung. Von weitem summte und surrte es wie von vielen Stimmen. Weiber und Kinder rannten hastig einher. Die Hunde schlugen freudig an. Kein Zweifel, die Streifpartei war zurückgekehrt . . . wenigstens zum Theil.
Zum Theil! Der Gedanke fiel der erbleichenden Iowa schwer aufs Herz. In ihrem stillen Vergnügen hatte sie gar nicht daran gedacht , daß des Knaben tapferer Vater auf blutige Abenteuer ausgezogen war, und daß auch er zu denen gehören konnte, die eines Feindes Geschoß zu den Inseln der Glückseligkeit befördert hatte.
Zu Eis erstarrt neigte die erbleichte Frau aufmerksam lauschend das Ohr. Für den Augenblick blieb sie sogar für des Kindes Liebkosungen unempfindlich.
Der Krieger, welchem sie zu eigen gehörte, hatte ihr in seiner Eifersucht streng verboten, die Hütte ohne die dringendste Nothwendigkeit zu verlassen. Sein Wunsch schon wäre für sie ein unverbrüchliches Gesetz gewesen, um so mehr war’s sein Wille.
Sie koste wiederum den Kleinen, aber diesmal ohne Lächeln, bis nach ungefähr zehn Minuten mit dem Roth der Wangen auch das Lächeln der Lippen wiederkehrte, während die Stirne noch von Sorgen umwölkt blieb.
Eine Ewigkeit von einer Viertelstunde verging, bevor Fußtritte der Hütte nahten und Iowas Gemahl erschien.
Er war nicht allein.
Ein schönes aber trübseliges Indianermädchen folgte ihm, und er würdigte die Seinen kaum eines Blickes, beschäftigt wie er war, der Fremden gastlichen Empfang zu bereiten.
Kitsi nahm mit zurückhaltend stolzem Wesen einen Sitz an und betrachtete nicht ohne Theilnahme ihre Umgebung.
Und Iowa?
Kein Laut entrang sich ihren Lippen, kein Athemzug bekundete ihre bittere Enttäuschung, doch waren ihre Wangen fahl wie die einer Todten, und unbeachtet lag das Kind auf ihrem Schoß.
Das leichtfertige Geschöpf hatte sich in ein gramerfülltes Weib verwandelt.
Ein Wimmern des Kleinen brachte Iowa wieder zu sich selbst. Als ob sie sich die kurze Vernachlässigung zum Vorwurf mache, drückte sie das Kind um so inniger ans Herz.
War das Kind nicht fortan ihr Alles auf dieser Welt?
Sie hatte ihr Geschick mit dem ersten Blick überschaut. Der Mann brachte eine zweite Frau zu der ersten. Iowa konnte sein herkömmliches Recht dazu nicht anfechten, aber der schöne Traum ihrer jungen Seele war unwiederbringlich zerstörte sie hatte seine Liebe verloren.
Der Lepan empfand bei Iowas Anblick einige heimliche Gewissensbisse, da er sich entsann, daß er Iowa ausdrücklich verheißen hatte, keine zweite Frau zu nehmen. Natürlich verrieth er diese Empfindung durch kein Zeichen. Selbst dem Knaben, seinem Ebenbilde, gönnte er keinen Blick. Er ging, um an der Rathsversammlung theilzunehmen.
Kitsi und Iowa blieben allein. Die Comanchen übersah die Lage der Dinge klar genug, doch sprach sie kein tröstliches Wort. Vermutlich gedachte sie ihrer eigenen Angelegenheiten. Die Sorge macht selbstsüchtig und kalt.
Iowa kämpfte lange mit sich selbst. Das Blut ihrer indianischen Mutter behielt die Oberhand, um sie zu der Unterwürfigkeit zurückzuführen, wozu sie erzogen war.
Trübseligen Tones, der ergreifend zum Herzen drang, hob sie an:
Meine Schwester ist traurig. Sie horcht auf die sanfte Musik im Himmel, die ihr von der Heimath erzählt und vielleicht von ihrer Liebe. Meine Schwester hat einen jungen Schoß vom alten Stamm verloren.
Kitsi ist nicht Mutter. Sie klagt um vergangene Zeiten, um die Heimath ihrer Väter.
Die Antwort der Comanchen klang düster, und dennoch begleitete sie ein lauerndes Lächeln.
Die andere hob wieder an:
Auch Iowa klagte lange Zeit um ihrer Mutter Hütte, aber das Zelt der Schwarzen Wolke ,war warm, der Manitu sandte einen kleinen Krieger, um es noch wärmer zu machen und Iowa fand sich glücklich. Meine Schwester wird noch glücklicher sein. Schwarzwolke ist ein großer Häuptling, sein Wigwam ist geräumig und hat Platz für viele.
Es ist groß und breit, meint aber meine Schwester nicht, daß es für zwei Frauen zu enge sei? fragte Kitsi mit durchdringend forschendem Blick.
Schwarzwolke ist ein großer Krieger und Iowa nennt ihn Gemahl. Sie hört seine Stimme und wird frohen Muthes. Seine Stimme ist Musik in ihrem Ohr. Der Stern von den Hügeln der Comanchen ist in seinem Wigwam und Iowa heißt ihn willkommen.
Der ruhig ernste Ton, in welchem Iowa zu sprechen sich Mühe gab, reichte nicht aus, ihre bitterliche Herzensangst zu bemänteln.
Iowa ist meine Schwester, aber Iowa irrt sich. Kitsi wird niemals das Weib der Schwarzen Wolke. Kitsi ist ein Comanchenmädchen und weiß zu sterben.
Mit diesen Worten kreuzte die Jungfrau ihre Arme über die Brust.
Ein Strahl von Zufriedenheit verklärte Iowas Züge. Wenn es auch Thatsache blieb, daß ihres Gatten Zärtlichkeit sich von ihr abgewendet, so erwiderte wenigstens der Gegenstand seiner Untreue nicht seine Liebesglut. Das war schon eine gewonnene Stellung, die zu weiteren Hoffnungen berechtigte.
Den Keim solchen Trostes in der Seele begann Iowa wieder mit ihrem Kinde zu spielen. Zwischen den beiden Frauen entspann sich ein vertrauliches Gespräch. Kitsi erzählte ihre Erlebnisse. Die andere hörte mit herzlicher Theilnahme zu, und diese Theilnahme that dem jungen Mädchen in tiefster Seele wohl.
Nachdem Kitsi über ihren festen Entschluß, die Hoffnungen des Lepans um ihr Ziel zu betrügen, keinen Zweifel übrig gelassen, ward verabredet, daß sie vorläufig kein Zeichen von Widerstreben geben solle. Sie müsse, lautete der Beschluß des geheimen Rathes, den Krieger mit der größten Freundlichkeit begrüßen, wenn er am Abend sich nochmals zeigte, bevor er sich zum Gelag begab, das für die Nacht angeordnet war.
So geschah es. Kitsi, obschon sie nicht die Liebe des Lepans theilte, brauchte nicht zu heucheln, um ihm freundschaftliche Gesinnungen zu zeigen. Er hatte sie ja zu großem Danke verpflichtet, und daß er sie liebte, konnte wohl in ihren Augen für kein Verbrechen gelten, denn ein Weib mag allenfalls die Liebe eines Mannes verschmähen, doch findet sie sich nicht darüber gekränkt, sich geliebt zu sehen.
Ein deutscher Dichter sagt: »Das Opfer ist stets willkommen, wenn auch nicht immer die Hand, welche es auf den Altar legt.«
Der freundliche Empfang, so günstig für die Hoffnungen des Kriegers, schien aber durch das Übermaß von Glück einiges Mißtrauen im Lepan rege zu machen. Wenigstens warf er seinem Weibe einen argwöhnischen Blick zu.
Iowa, eine Tochter Eva’s, und dazu als Indianerin wohlgeschult, hielt den Blick mit scheinbarer Unbefangenheit aus.
Der Herr Gemahl, welcher zweifelsohne Vorwürfe erwartet hatte, fühlte sich merklich erleichtert. Er trat näher und liebkoste den Buben, ungefähr in der Art des ungefügen Bären, aber mit sichtlicher Zärtlichkeit.
Iowa zeigte die vergnügteste Miene. Sie schien jetzt ganz zufriedengestellt.
Der Krieger war es in der That. Heiter ging er seines Weges.
Kitsi redete ihrer neuen Freundin abermals Muth zu und legte sich dann zur Ruhe.
Der größte Theil des nächsten Tages ward mit jenen Tänzen hingebracht, wie sie bei den Lepans und einigen andern Stämme nach der Heimkehr von einem Kriegszuge von jeher üblich waren, wenn der Zug nicht von besonderer Bedeutung gewesen.
Mannichfach und seltsam waren die Gebräuche dieses Volkes, in dessen Seele neben dem niedrigsten Eigennutz die erhabensten Regungen wohnen.
Zum Bärentanz, der einen bedeutenden Theil des Tages ausfüllte, bereiteten sich die Krieger stundenlang vor. Eine Dame der gesitteten Welt braucht vielleicht nicht länger, um sich zum Ball zu schmücken. Der Wetteifer der Krieger ging dahin, sich möglich unkenntlich und abscheulich zu machen, und die Genossen an abenteuerlicher Scheusaligkeit zu überbieten.
Der eine kam mit einem Bärenkopf auf dem Haupt, vom zottigen Fell tote von einer Glocke umhüllt, behangen mit allem, was irgend geeignet schien, den Ton von Klingeln und Schellen nachzuahmen. Ein anderer war mit plumpen Schildereien bemalt, die ihn als einen großen Jäger bekunden sollten, während ein Halsband von Bärenbranken seinen Nacken umschloß. Die Knöchel eines jeden Mannes zierte ein Streifen von Bärenpelz. Indem sie die Hände an den halbausgestreckten Armen wie Tatzen hängen ließen, stampften und trampelten sie nach Art des Thieres, von welchem ihr Tanz den Namen führte.
Bei allen Völkern im Urzustande ist der Tanz mehr noch eine Lieblingsunterhaltung, als bei den gezähmten. Aller Unterschied besteht mehr in der Form der Ausführung als in der Sache selbst.
Der sinkende Tag erinnerte endlich die Krieger, daß eine ernstere Angelegenheit ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es galt, den Mörder Jung Buffalo’s zu richten.
Jung Buffalo war zwar ein Comanche, aber darum doch nicht minder eine Rothhaut, der Angeklagte dagegen ein bleiches Gesicht, ein verfluchtes Langmesser von Yankee.
Der Mörder mußte als Sühneopfer für den Ermordeten geschlachtet werden.
Der erkorene Platz lag außerhalb des Lagers auf einer Erhöhung im Walde. Kein Unterholz war dort zwischen den Stämmen sichtbar. Nahe daran strömte der Fluß vorüber, dessen Nachbarschaft die Wahl des Lagerplatzes hatte bestimmen helfen.
Als es dunkelte, ward im Walde ein Haufen von Reisig und Bengelholz aufgeschichtet und in Flammen gesetzt, so daß der helle Schein alsbald für das entschwundene Tageslicht Ersatz leistete.
Die Krieger, aufgeregt vom wilden Tanz, drängten sich beim Feuer, während alte und junge Weiber mit den Kindern neugierig den Platz umwogten, wo ein weißer Mörder unter gräßlichen Folterqualen enden sollte.
Mainwaring ward vorgeführt, geleitet von vier starken und behenden Jünglingen, die mit ihrem eigenen Leben dafür zu bürgen hatten, daß der Gefangene nicht entrinne. Sie führten ihn zu einem Baum, der — auf der Erhöhung stehend — die Aussicht ringsum beherrschte und banden ihm Hände und Füße fest.
Kitsi. begleitet von Iowa, saß auf einem umgestürzten Stamm, dem Gefangenen gegenüber, der — ins Leere hinausstarrend — sich der Bildung würdig erwies, die er unter den Wilden gewonnen. Keine Muskel zuckte, kein Zeichen von Furcht oder Sorge machte sich auf seinem Antlitz bemerklich.
Ein Geflüster der Bewunderung ging durch die Reihen der jungen Weiber, das als bald durch den tadelnden Zuruf eines Häuptlings gedämpft ward.
So ist nun einmal das Frauenherz beschaffen. Den Unglücklichen zu bemitleiden ist es immerdar bereit, und doppelt, wenn er sein Mißgeschick mit männlicher Standhaftigkeit erträgt. Dann wird das Erbarmen zur Bewunderung, — und von der Bewunderung zur Liebe ist nur ein Schritt.
Das Schauspiel war seltsam genug und voll eigenthümlichen Reizes.
In der Mitte loderte das ungeheure Feuer; auf dessen Gluth ganze Baumstämme geworfen wurden, um sich zu nähren, während die Kinder zu demselben Behufe Reisigbündel herbeischleppten. Die Flamme leuchtete hell wie der Tag auf einen weiten Kreis hinaus, unberührt vom Wind, der nur durch die Wipfel der Bäume säuselte. Stämme, Äste, Menschen glänzten auf einer Seite im grellsten Licht, während die andere im tiefsten Schatten lag.
Einige Mädchen sonderten sich von dem Haufen ab, gefolgt von einem Dutzend der berühmtesten Krieger. Die Mädchen trugen jede in der rechten Hand eine brennende Kienfackel, in der linken einen Büschel von Kopfhäuten, das barbarische Siegeszeichen der rothhäutigen Tapferkeit.
Der furchtbare Skalptanz sollte beginnen, welcher als Einleitung und gleichsam als Vorrede der Todesmarter eines Opfers vorherzugehen pflegt.
Zum Tanz war ein freier Platz unfern vom Gefangenen ausersehen. Dorthin verfügte sich die Schaar. Die Heilkünstler gaben mit ihren Handtrommeln das Zeichen zum Beginn.
Unter Heilkünstler versteht der Indianer einen Zauberer; da er nemlich keinen Begriff von natürlichem Wissen hat, so ist ihm die Medicin eine überirdische Kunst, so daß er für Heilmittel und Zaubereien nur einen Namen hat. Unter den bleichen Gesichtern gibt es Millionen, welche von der Wissenschaft keinen bessern Begriff haben.
Auch ein aufgeklärter Europäer hätte übrigens keines besonderen Aufwandes von Einbildungskraft bedurft, um den Tanz der Indianer beim Flammenschein für einen höllischen Sabbath zu halten.
Hochgeschwungen schwirrten die Fackeln durch die Luft; neben ihnen gaukelten an kleinen Reisen die Kopfhäute, die als beredte Wahrzeichen den vergangener Tage tapferen Thaten berichteten. Die Gesichter der jungen Mädchen, vom grellen Flammenschein beleuchtet, trugen den ganzen Stolz auf die Auszeichnung, die ihnen geworden, in ihrem Ausdruck zur Schau. Ihr Amt war unweiblich genug, kein Wunder also, wenn sie ein unweibliches Aussehen gewannen. Sie mahnten an den tollen Schwarm berauschter Bacchantinnen oder an die Hexen in der Walpurgisnacht.
Die Krieger standen harrend im Kreise umher. Auf das Zeichen, welches die Trommel der Zauberer ihnen gab, begannen sie den Waffentanz, in den Händen ihre Äxte, Messer, Lanzen schwingend, die Bogen spannend und Pfeile ringsumher verzettelnd.
Lautes Geschrei gellte Entsetzen erregend von den Lippen der Tänzer, die mehr und mehr sich erhitzend wirklich den Feind vor sich zu sehen wähnten, den Schlachtruf ausstießen und in eine wahre Berserkerwuth geriethen, die mit jedem Augenblicke wuchs.
Die Tänzer führten gewaltige Streiche gegeneinander, denen mit Behendigkeit ausgewichen wurde.
Das Geschrei folgte einer Art von vorgeschriebenem Zeitmaß.
Gewiß hatte keines Menschen Auge jemals einen scheußlicheren Anblick gesehen. Die verzerrten Mienen, die verdrehten Augen, das Geknirscht der Zähne mahnten nur zu sehr an das Reich des Höllenfürsten.
Eine Stunde mochte diese gräßliche Kurzweil gedauert haben, als die Tänzer unversehens innehielten und sich zu Boden warfen.
Aufschnellen und den Gefangenen umringen, war das Werk eines Augenblicks.
In seiner nächsten Nähe wiederholten nun die Tänzer alle die scheußlichen Fratzen und das gräßliche Geschrei, während sie Luftfechterstreiche gegen sein Haupt, seine Brust, seine Beine führten und entsetzliche Drohungen ausstießen, welche die ungeduldige Umgebung als verstärktes Echo nachbrüllte.
Nicht zufrieden mit der Pein, die sie dem Opfer bereiteten, boten sie allen Witz der Grausamkeit auf, um seine Seele mit Schreckbildern übertriebener Martern zu erfüllen, wo möglich noch gräßlicher, als die gräßlichste Wirklichkeit.
Endlich ließen sie ab und traten in den Kreis der andern Krieger zurück.
Jetzt kamen die wirklichen Vorbereitungen zur Marter an die Reihe.
Eine alte Hexe richtete die Splitter zu, die in Mainwarings Fleisch getrieben werden sollten. Andere wetzten die Messer, um seine Glieder zu zerfleischen. Wieder andere legten die Reisigbündel zurecht, deren Flamme ihn zu rösten bestimmt war.
Nachdem diese Vorkehrungen getroffen, ließen sich die alten Männer des Stammes im Kreise um den Baum nieder, während der bejahrte Kriegsheld, welcher den Oberbefehl führte, vor den Gefangenen hintrat und ihn anredete.
Die Lepans sind wahrhaft weise. Sie fanden ein bleiches Gesicht im Walde. Was suchte es dort?
Mit geringschätzigem Lächeln gab Mainwaring bedachtsam zur Antwort:
Ein bleiches Gesicht war im Walde. Es war hungrig. Es suchte die Wigwams der Lepans, denn sie sind tapfer und gut.
Der Weg stand offen, sagte der Greis mit leichtem Spott; weshalb fand das bleiche Gesicht nicht die Wigwams der Lepans? Warum brachten die jungen Männer ihn mit Gewalt? Weil die Comanchen ihn fanden und seine Füße fesselten, entgegnete der Gefangene mit ruhiger Selbstbeherrschung.
Ein allgemeines Gemurmel bewies, daß die Hörer sich in ihrer Ansicht nicht beirren ließen, sondern recht gut wußten, welche Bewandtniß es mit Mainwarings Verweilen bei den Comanchen gehabt.
Er aber wartete in unerschütterlicher Gelassenheit die nächste Frage ab.
Der Greis hob wieder an: Der weiße Mann kam als Freund zum Lager der Comanchen. Jung Buffalo nahm ihn als Bruder auf. Der junge Büffel und er jagten mitsammen in der Ebene. Eines Tages gingen der Weiße und sein rother Bruder selbander fort. Das bleiche Gesicht ist hier, doch wo ist Jung Buffalo geblieben?
Bin ich der Manitu, der alles weiß? versetzte Mainwaring gelassen. Wer wagt mich zu beschuldigen? Wer sagt, daß ichs gethan? Keiner von euch darf sich dessen unterfangen. Thut er’s dennoch, so lügt er.
Ein kleiner Vogel der Comanchen, Kitsi, seine Braut, sein Weib, sagte das Comanchenmädchen auf den Angeklagten zutretend.
Kitsi beschuldigt den weißen Mann des Mordes an ihrem Liebsten? sprach Mainwaring entgegen, einen Blick auf die lieblichen Züge heftend, die ihn, wenn irgend etwas, allein zu der schändlichen That verführt haben konnten.
Kitsi hat gesprochen. Zweimal redet sie nicht, entgegnete das Mädchen, offenbar der Frage ausweichend. Ihr Herz ist voll. Ein Comanchenkind verlangt nach seinem jungen Krieger.
Schwarzwolke erhob sich sofort, um seiner Liebsten beizustehen. Er erzählte, was zwischen ihm und ihr vorgegangen, und verschwieg keineswegs, daß sie durch zarte Bande sich verknüpft.
Obschon die Schwarze Wolke schon beweibt war, nahm niemand Anstoß an der Eröffnung, welche den Hörern ganz einfach natürlich vorkam.
Was bei weitem größere Theilnahme erregte, als besagte Kleinigkeit, war die Erzählung des Mordes nach Kitsi’s Angaben, welche der Bräutigam wiederholte.
Das Gemurmel und die Drohblicke der Versammlung zeigten, daß Mainwaring unbedingt für schuldig galt.
Dennoch ward abseits noch eine Endberathung über den Fall gehalten.
Nach kurzem Bedenken sprachen alle Stimmen das Todesurtheil aus.
Der Haufe kehrte sofort zu dem Baum zurück, wo sie Mainwaring gelassen.
Der Gefangene war verschwunden. Die Wieden lagen durchschnitten am Boden.
Die Lepans stießen ein Wuthgeheul aus.
Behende Renner wurden zur Verfolgung entsendet, sowie Vorkehrungen gegen einen Überfall getroffen, der zu gewärtigen stand, da sich Verräter im Lager befinden mußten.
Schwarzwolke eilte zu den Weibern. Er argwöhnte, daß Kitsi entflohen sei. Die aber fand er in heiterer Unterhaltung mit ihrer neuen Freundin Iowa.
Inzwischen wuchs der Auflauf. Die entsendeten Verfolger kamen zurück, ohne Kunde von dem Entwichenen zu bringen. Furcht und Schrecken nahmen überhand. Der eine vermuthete das, der andere jenes, während alle mit scheuen Blicken umherspähten und jeder seinen Nachbar zu beargwohnen anfing.
Verrat war im Lager, denn sonst wäre der Gefangene nicht befreit worden.
Endlich gelang es dem obersten Häuptling, die Stille herzustellen, so daß der gewohnte Ernst indianischen Wesens wiederum die Oberhand gewann.
In diesem Augenblick tauchte Mainwaring wie aus dem Boden gewachsen bei dem Baume auf, an welchem er kurz zuvor als Gefangener gestanden.
Betroffen starrten alle die unerwartete Erscheinung an. Das bleiche Gesicht gab einen Beweis von Muth, welcher die Indianer selbst dergestalt überraschte, daß sie den eigenen Sinnen nicht trauen wollten. Einige traten näher.
Ihr Erstaunen wuchs. Mainwaring stand in Wehr und Waffen da.
Die Zunächst stehenden prallten zurück.
Bevor sie sich besonnen, stieß Mainwaring den Kriegsruf der Comanchen aus.
Ein halbes Hundert von kriegerischen Stimmen wiederholte den Ruf.
Im Walde ward es lebendig von kampfbegierigen Angreifern. Der weiße Mann ergriff Kitsi’s Arm und führte sie von dannen, anfangs unbekümmert um den ungleichen verzweifelten Kampf, in welcher die Lepans die Oberhand behielten; am Rande des Waldes endlich nahmen die Beiden Theil am Gefecht.
Kitsi war jetzt nicht mehr waffenlos. Sie und Mainwaring feuerten Schuß auf Schuß aus Kugelbüchsen unter die Feinde.
Allmälig gesellten sich die übrigen Freunde zu ihnen, deren nicht mehr als fünfzig waren.
Tapfer fochten sie Mann an Mann gegen die heranbringende Übermacht.
Die Nacht begünstigte die schwächere Partei, doch ohne ganz und gar ihre unzureichende Anzahl dem Feinde auf die Dauer verbergen zu können.
Kitsi ließ sich bewegen, mit Mainwaring ihr Heil in der Flucht zu suchen.
Zum Zauberstein! hieß die allgemeine Losung der Angreifer.
Sie begaben sich auf die Flucht.
Kitsi befand sich allein mit . . . Jung Buffalo. Mainwaring blieb ein wenig zurück, um ihnen Muße zu gönnen, einige Worte zu wechseln.
Und hier wird eine Erklärung des Zusammenhanges am Platze sein.
Nachdem Mainwaring seinem Freunde geholfen, die sechs Freier Kitsi’s so nachdrücklich von allen Liebesgedanken abzubringen, war verabredet worden, daß Jung Buffalo sich durch Tracht, Waffen und Schminke in einen der erlegten Lepans umgestalten sollte, um dann im Lager des Feindes noch einige unerhörte Heldenthaten zu vollführen und dadurch seinen großen Namen noch berühmter zu machen.
Die Ausführung eines so verwegenen Unternehmens erheischte das strengste Geheimniß und da Jung Buffalo nach dem herkömmlichen Vorurteil kein besonderes Vertrauen in die weibliche Verschwiegenheit setzte, so sollte auch seine Verlobte nichts von dem Plan erfahren. Er wollte sie lieber Angst und Pein ausstehen lassen, als sein Geheimniß einer Gefahr aussetzen.
Mainwaring hatte hoch und theuer das strengste Stillschweigen geloben müssen.
Das Übermaß von Vorsicht machte schlimm, was es gut zu machen bestimmt gewesen.
Kitsi’s Verdacht gegen den Weißen führte unerwartete Verwicklungen herbei. Sie nöthigte den jungen Büffel, seinen Besuch bei den Lepans zu vertagen, um zuvor seine entwichene Braut suchen zu helfen. Als endlich Mainwaring — wie durch ein Wunder dem drohenden Verderben entronnen — Kitsi wieder in seine Gewalt gebracht, hatte er sich die Erlaubniß erwirkt, sie ins Geheimniß zu ziehen, damit sie in ihrer Verzweiflung nicht neues Unheil anrichte.
Ein neuer Anschlag ward geschmiedet, um Kitsi’s Einverständniß mit den Lepans auszubeuten.
Mainwaring und das Mädchen sollten sich fangen lassen, um die Lepans zu beschäftigen, die, wie vorauszusehen stand, während der Anstalten zur Hinrichtung versäumen würden, die gewohnte Wachsamkeit nach außen zu üben. Jung Buffalo’s Absehen ging dahin, mit der gesammten Macht seines Stammes den Überfall zu bewerkstelligen und die Lepans zu zermalmen.
Die Ausführung dieses Handstreiches hätte den Erfinder zum großen Mann gemacht, aber das Glück war ihm nicht hold. Die Krieger des Stammes waren nicht zu finden, Jung Buffalo vermochte kaum fünfzig Reiter auszutreiben und er konnte nichts unternehmen als einen verzweifelten Angriff, um wenigstens den Freund zu retten und die tapfere Frau zu befreien, nachdem er die beiden in eine so gefährliche Lage versetzt.
Die Rettung war gelungen, im übrigen jedoch der verwegene Angriff zurückgeschlagen worden, wenn auch die Lepans in der ersten Überraschung manchen wackeren Streiter eingebüßt.
Nachdem die Gefährten auf ihrer eiligen Flucht zum Zauberstein ihm aus dem Gesicht gekommen, blieb Jung Buffalo stehen und drückte die Absicht aus, zum Waldessaum zurückzukehren und zu erspähen, wie dort die Dinge stünden.
Mainwaring bezeichnete ein solches Unterfangen als reine Tollheit. Jung Buffalo wandte dagegen ein, daß gewiß niemand von den Lepans eines solchen Besuches gewärtig sei.
Im übrigen bestand er auf seinem Willen, und es war vergeblich, den indianischen Eisenkopf durch Zureden von dem einmal gefaßten Vorsatz ablenken zu wollen.
Kitsi und Mainwaring ließen sichs nicht nehmen ihn zu begleiten.
Die Lepans hatten sich theils in ihre Verpfählung zurückgezogen, theils verfolgten sie die Fliehenden, deren Anzahl sie immer noch für größer hielten, als sie war.
Der Platz, welchen kurz zuvor die wilden Auftritte belebt, stand verlassen.
Das erst so ungeheure Feuer war niedergebrannt, doch leuchtete es immer noch hell genug, um zu zeigen, daß viele Todte, scheußlich verzerrt, die Wahlstatt bedeckten.
Das bleiche Gesicht überlief ein kalter Schauer. Mainwaring bedachte jetzt erst, wie nah ihm das Loos des qualvollsten Todes gestanden. Die sinnreich grausame Pein einer indianischen Hinrichtung mag selbst das unerschrockenste Herz erbeben machen.
Den Schritten des Comanchenkriegers folgend traten sie auf die Waldblöße hinaus, wo Jung Buffalo an den Leichen der Feinde that, was die Lepans an den erlegten Comanchen gethan: er skalpierte sie.
Als die drei auf ihrer grausenhaften Wanderung zu dem Baume gelangten, wo Mainwaring hatte verbluten sollen, vernahmen sie einen Klagelaut, schwach und wie ans weiter Ferne.
Die Männer stutzten. Sie wähnten die Wehklage eines abgeschiedenen Geistes zu vernehmen.
Kitsi’s Herz jedoch schärfte ihre Sinne. Wie ein Reh in raschen Sätzen vordringend, stand sie bald bei Schwarzwolkes entseeltem Körper, neben welchem Iowa kniete, den Gatten beweinend, den Vater des Kindes, das sie im Arme trug.
Manitu, Manitui klagte sie wimmernd, Wakonkena, ein großer Häuptling ist gefallen. Seine Hände sind kalt, seine Augen sehen nicht, seine Hand schwingt weder Speer noch ! Axt mehr. Wehe mir. Meine Hütte steht leer, wer soll sie fortan erwärmen? Wer wird Wild zur Speise bringen? Für wen wird Iowa die Nachtkost bereiten? Wakonkena, ein großer Häuptling ist todt. Horch, Knabe, draußen erschallen Tritte; Dein Vater kommt. Lächle, Kind, lache, kleiner Krieger; Dein Vater ist’s. Bst, mein Herzchen, weine nicht, freundlich begrüße ihn, der Dir das Dasein gab. Nein, sein Schritt wird nimmermehr vernommen. Seine Stimme hat keinen Laut mehr für Angst und Weh, für Freude und Lust. Iowa ist allein. Fort, fort. Nein, Manitu, fort ist er nicht gegangen. Komm, Schwarzwolke!
Das Kind an des Erschlagenen Antlitz haltend, fuhr sie fort
Wenn Dein Weib Dich erzürnt hat, betrachte dein schuldloses Kind, das Dich gewiß nicht getränkt. Sprich zu ihm, lasse des Vaters Stimme sein Herz erfreuen. — kein Wort, kein Laut? Ist Iowa ganz allein? Kind, rede Du zu Deiner Mutter. Rufe Deines Vaters Namen, heiße ihn erwachen, denn es ist Nacht und weit nach Hause.
Den empfindungslosen Todten schüttelnd, fuhr die Beklagenswerthe fort:
Erhebe Dich. Dein treues Weib spricht zu Dir, Schwarzwolke. Der Kleine stirbt. Lasse uns fliehen, um ihn zu retten, und ein junger Krieger wird dem Stamm erhalten.
Ein schmerzlicher Aufschrei des Knaben brachte die arme Frau wieder zu sich.
Wo ist Iowa und ihr Kind? Warum schlafen wir nicht im warmen Wigwam? Es ist Nacht und bitter kalt. Schreie nicht, Erstgeborner von Deines Vaters Hause. Deine s Mutter erwärmt Dich. Armes Kind, alles hat sie verloren, alles bis auf Dich. O mein Mann, mein Mann! Iowa ist allein für immer.
Iowa war ebenfalls schwer verwundet und dem Tode nahe.
Schweigend sahen die drei dem herzerschütternden Austritte zu. Ihr Mitgefühl war darum nicht geringer. Sie sahen nur zu deutlich, daß nicht zu helfen war.
Indessen trat Kitsi nahe hinzu, um die Sterbende in ihre Arme zu nehmen.
Mainwaring langte nach dem Kinde. Die Mutter liest es nicht fahren.
Kind Deines Vaters, bleibe bei mir. Ich gehe zu ihm, ich folge ihm zu den Jagdgebieten der Seligen und Iowa will nicht ohne ihr Kind vor dem Herrn und Meister erscheinen. Schwarzwolke wird nach seinem Knaben fragen und Iowa darf nicht ohne ihn kommen. Bst, Kind, wir werden bald beim Vater sein. Wie, ihr wollt mir den Kleinen rauben? O Schwarzwolke, stoße mich nicht von Dir, ich bringe Dir Dein Kind. Küsse mich, Kind, schmiege Dich an die Mutterbrust. Ja, ja! Jetzt ist Iowa glücklich. Ihr Knabe schläft an ihrer Brust. Fröhlich folgt sie dem Gatten zu den Jagdgehegen seines Volkes . . .
Der Rest blieb unverständlich. In wenigen Minuten hatte sie ihre reine Seele ausgehaucht, das Kind an den Busen drückend, ein verklärtes Lächeln auf den Lippen. Im Tode noch hatte sie sich glücklich gefühlt; sie brachte ja dem Gatten das Kind, welches mit ihm der Inbegriff der ganzen Welt für sie gewesen.
Selig alle, die an ein Wiedersehen ihrer Lieben im Jenseits glauben! Gottes Gnade behüte jedes Herz vor der trostlosen Philosophie, welche den Tod zur ewigen Vernichtung stempelt.
Kitsi entwand nicht ohne Mühe das Kind den starren Armen der Todten und trat ohne ein Wort zu sagen den Rückweg an.
Ihre Gefühle ehrend folgten ihr Jung Buffalo und der weiße Freund.
Der Morgen graute, bevor sie den Zauberstein zu Gesicht bekamen.
Unterwegs befragte Mainwaring die Indianerin, wie sie auf den seltsamen Verdacht gerathen sei, daß er seinen Herzensbruder erschlagen?
Sie berief sich vor allem auf die Blutflecken an seinem Jagdmesser.
Grimmig lächelnd klärte der Weiße auch diesen Umstand auf.
Er hatte, während sie nach einer andern Seite schaute, die Todesqual des einen Lepans abgekürzt, der nicht gut genug getroffen war. Sein grausames Mitleid wäre ihm fast gar zu theuer zu stehen gekommen.
Ein Laut, den Jung Buffalo ausstieß, unterbrach das Gespräch.
Sie blieben stehen und sahen nach der Richtung hin, welche des Indianers ausgestreckter Arm andeutete.
An einem Hügel in geringer Entfernung hing eine Wolke von Reiterei, deren Lanzen im Strahl der aufgehenden Sonne glitzerten. Gestreckten Laufes sprengten sie den steilen Abhang herab. In zehn Minuten umschwärmten sie wimmelnd wie eine Büffelheerde ihren tapfern Führer.
Die Gefahr war überstanden.
Wir übergehen die Festlichkeiten des freudigen Empfanges mit Schweigen. Nicht minder das Hochzeitsfest des kühnen Kriegers und seiner tapfern Braut.
Nach einem Monat verließ Mainwaring, geheilt von seiner Leidenschaft für die Indianerin, unter großem Geleit das Lager der Comanchen. Er kam noch grade zu rechter Zeit nach Santa Fe, um die Versteigerung seiner Waaren, — seines vermeintlichen Nachlasses zu verhüten.
Seitdem hat der weiße Mann die Grassteppe abermals in Handelsgeschäften durchzogen und dabei nicht versäumt, seine rothen Freunde aufzusuchen.
Er brachte zu Kitsi, welche eine glückliche Gattin und Mutter geworden, seine Frau Mainwaring, — eine Creolin, in deren Adern das kecke Blut ihrer französischen Vorfahren zu lebendig loderte, als daß sie nicht lieber mit ihren Gatten die Gefahren der weiten Reise getheilt hätte, statt in St. Louis behaglich aber einsam zurückzubleiben.
Die Frauen wurden die besten Freundinnen, obschon Mainwaring die Indianerin darüber aufzog, daß sie sich solche Mühe gegeben, ihn zu verderben.
Noch steht das Lager der Comanchen auf den alten Fleck, noch überschaut der Zauberstein die weite Gegend. Er wird stehen bleiben bis zum Ende aller Tage, aber die rothen Männer, die an seinem Fuße wohnen, werden bald vom Angesicht der Erde vollends verschwunden sein.
Von Tag zu Tage werden der Indianer weniger, und in einer gegebenen Frist müssen sie bis auf ihres Namens Gedächtniß verschwunden sein.
Warum? — Gott weiß es.
-Ende-